100 Jahre Frauenwahlrecht Die Kommunalpolitik als Männerdomäne

Gemeinderätin Helga Niehues berichtet über ihre Erfahrungen in der Kommunalpolitik.
Gemeinderätin Helga Niehues berichtet über ihre Erfahrungen in der Kommunalpolitik. © Foto: Martin Kalb
Sachsenheim / Michaela Glemser 10.11.2018

Sie ist die dienstälteste Gemeinderätin im Sachsenheimer Gremium. Seit 2004 sitzt Helga Niehues mit der Unterbrechung von nur einer Legislaturperiode im Sachsenheimer Kommunalparlament. In ihrer Amtszeit haben mit Helga Niehues nie mehr als drei weitere Frauen am Ratstisch Platz genommen, in manchen Jahren sogar weniger.

Auch derzeit sind, nach dem freiwilligen Ausscheiden von Bianca Castan, nur insgesamt drei Frauen unter den 23 Sachsenheimer Gemeinderatsmitgliedern. „Eine Frauenquote umzusetzen ist bis heute sehr schwer in unserer Stadt. Es gibt einfach deutlich mehr Männer, die sich als Kandidaten für die Kommunalwahl zur Verfügung stellen. Aber egal ob weiblich oder männlich, in den vergangenen Jahren ist es allgemein immer schwieriger geworden, Kandidaten zu finden“, betont Niehues, die zudem die einzige weibliche Fraktionsvorsitzende (SPD) im Sachsenheimer Rat ist.

Das geringe Interesse an der Kommunalpolitik führt die Großsachsenheimerin vor allem auch darauf zurück, dass Individualinteressen heute immer mehr im Vordergrund stünden. „Wenn ich persönlich von einem Problem betroffen bin, erhebe ich meine Stimme, aber sonst bin ich nicht bereit, die Geschicke der Gemeinde mitzubestimmen“, macht Niehues deutlich. Hinzu komme bei den Frauen die hohe Belastung durch Haushalt, Kinder und den Beruf. Da bleibe  nicht mehr viel Zeit für die Arbeit im Gemeinderat. Sie verweist auch darauf, dass sich Frauen bisweilen zu „wenig zutrauen und auch untereinander manchmal kaum auf die Fähigkeiten der Geschlechtsgenossinnen vertrauen“.

„Zum einen müssen wir noch viel Überzeugungsarbeit dafür leisten, dass sich Frauen überhaupt als Kandidatinnen für den Gemeinderat aufstellen lassen. Zum anderen ist noch nicht garantiert, dass Frauen auch tatsächlich Frauen wählen“, macht  Niehues deutlich. Politik sei immer noch eine Männerdomäne, auch wenn sie von Anfang an große Unterstützung durch ihre männlichen Ratskollegen genoss.

„Ich bin durch Gertrud Hartmann, die Frau meines ehemaligen Schulleiters am Lichtenstern Gymnasium, zum SPD-Frauenkreis gekommen, in dem sich Frauen über ganz verschiedene Themen unterhalten haben. Irgendwann wurde ich schließlich auf eine Kandidatur für den Gemeinderat angesprochen“, erinnert sich die ehemalige Gymnasiallehrerin. Nach ihrer vierten Kandidatur war Niehues durch ihre berufliche Tätigkeit am Lichtenstern Gymnasium sowie durch unterschiedliche ehrenamtliche Engagements schließlich einer breiten Öffentlichkeit in Sachsenheim bekannt und wurde 2004 als Gemeinderätin gewählt. Damals saßen in der SPD-Fraktion zwei Frauen und zwei Männer. Vor allem die Hilfe von den beiden „Lokal-Urgesteinen“ Jutta Glöckle und Hans Gert Klingemann machten Niehues das Einfinden in die Ratsarbeit leicht.

„Bis heute ist der Zusammenhalt im Sachsenheimer Gemeinderat aber auch fraktionsübergreifend sehr gut. Die anderen beiden Fraktionsvorsitzenden Siegfried Jauß und damals noch Hans Günter Janßen haben mich sehr unterstützt“, unterstreicht Niehues. Es gehe immer darum gemeinsame Lösungen zu finden, die für die Stadt am besten sind. Vorbehalte gegenüber den weiblichen Ratsmitgliedern habe sie nie gespürt.  Auch wenn ihre Ratsarbeit viel Zeit in Anspruch nimmt und sie viele kommunalen Probleme und Fragestellungen auch noch in ihrer Freizeit beschäftigen, hat die Großsachsenheimerin ihr Engagement im Gemeinderat bisher nie bereut.

„Die Geschicke seiner Heimatgemeinde mitzugestalten und etwas auf die Beine stellen zu können, ist sehr erfüllend. In den zurückliegenden 14 Jahren ist viel in Sachsenheim passiert. Dass ich diese Ideen mitentwickeln durfte, ist toll. Heute sehe ich die Arbeit der Gemeindeverwaltung aus einem ganz anderen Blickwinkel“, schwärmt die Mutter einer erwachsenen Tochter. Sie habe gelernt abzuwägen und einzelne Fragen nicht isoliert, sondern im großen Zusammenhang zu betrachten.

Ihren kommunalpolitischen Erfahrungsschatz möchte Niehues gerne an neue, nachrückende Gemeinderätinnen weitergeben. Ihre Partei hat bisher schon von einigen Frauen feste Kandidaturzusagen für die Kommunalwahlen 2019. „Alle Altersgruppen sind hoffentlich auf unserer Liste vertreten. 50 Prozent weibliche und 50 Prozent männliche Kandidaten werden wir wohl nicht schaffen, aber ich hoffe, dass sich in Zukunft bei immer mehr Frauen und Männern die Bereitschaft durchsetzt, sich wieder mehr für das Gemeinwohl einzusetzen und nicht so sehr die Betroffenheitsdemokratie zu pflegen“, wünscht sich  Niehues.

Info Unter den 23 Gemeinderatsmitgliedern in Sachsenheim gibt es derzeit mit Helga Niehues, Melanie Füllborn und Franziska Müller nur drei Frauen.

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