Der Angler mit der hölzernen Rute, der Maler mit Leinwand und bunter Farbe, der Pfarrer mit dem Gebetbuch und schwarzem Gewand, der Müller mit schwerem Mehlsack, zwei Boulespieler mit ihren silbernen Kugeln und eine Fischhändlerin mit einem Korb unterschiedlicher Meerestiere: Wer vor der Krippe in der Oberriexinger Georgskirche steht, erblickt nicht die Szenerie vor dem Stall in Bethlehem. Zwar kann der Betrachter auch Maria und Josef mit dem Jesuskind erkennen, allerdings ist die Heilige Familie eingebettet in das Leben in einer Stadt oder einem Dorf in der französischen Provence.

„Ich bekam im Alter von 15 Jahren von meiner Brieffreundin France Vanel aus Frankreich meinen ersten Santon geschenkt. Santons werden die speziellen Krippenfiguren aus der Provence genannt. Im Laufe der Jahre sind immer mehr Figuren hinzugekommen. Irgendwann entstand gemeinsam mit der Pfarrersfamilie Gratz aus Oberriexingen die Idee, die Krippe in der Kirche in der Advents- und Weihnachtszeit aufzustellen. Dies kam auch in der Bevölkerung sehr gut an“, erklärt die Sachsenheimerin Christiane Hähnle, deren Brieffreundschaft den Grundstein für die Städtepartnerschaft zwischen Sachsenheim und Valréas in der Provence legte. Und eben auch für die Krippenausstellung in Oberriexingen vor vier Jahren. „Seither werden wir jedes Jahr ein bisschen größer“,  so Hähnle.

Elke Gratz aus Oberriexingen kann die positiven Reaktionen der Bürger nur bestätigen. „Es gibt immer wieder Führungen beispielsweise für eine Demenzgruppe der Sozialstation oder für Kinder. Das Interesse ist immer noch groß, obwohl die Krippe schon seit nunmehr vier Jahren in unserer Kirche steht“, macht die Pfarrerin deutlich. Weit über 60 Santons oder „kleine Heilige“ haben sich um die Krippe versammelt, die im Eingangsbereich der Kirche ihren Platz gefunden hat.

Die farbig bemalten Tonfiguren mit der edlen Kleidung entstehen in der Provence in speziellen Künstlerateliers. Jede Handwerks- und Berufsgruppe eines provenzalischen Dorfs sowie herausragende Persönlichkeiten ahmt der Künstler oder „Santonnier“ nach. Dazwischen stehen Maria, Josef und das Jesuskind, gleichsam etwas versteckt, denn in der Zeit der Französischen Revolution waren religiöse Riten streng verboten.

„Das ‚Pastorale’ oder provenzalische Krippenspiel ist in Valréas ein Teil der Mitternachtsmesse an Weihnachten. Die Schauspieler tragen jeweils die Krippenfigur, die sie darstellen, in die Kirche und erwecken sie damit quasi zum Leben. Im vergangenen Jahr feierte dieses Krippenspiel in Oberriexingen Premiere, und in diesem Jahr werden wir es in veränderter Fassung nochmals aufführen“, schildert Hähnle. Dafür haben alle Beteiligten die Weihnachtsgeschichte „Bethlehem, Provence“ von Vera-Maria Schäfer abgeändert und mit passenden Musikstücken aus Südfrankreich bereichert. „Christiane Hähnle und Thomas Kühnle haben die Musik- und Liedbeiträge arrangiert und dabei auch die typischen Instrumente aus der Provence wie Tambourin oder Dreilochflöte eingesetzt“, erläutert Gratz.

Die Darsteller des außergewöhnlichen Krippenspiels kommen nicht nur aus Oberriexingen, sondern auch aus Sachsenheim, denn neben Elke und Ulrich Gratz sowie Hähnle und Thomas Kühnle wirkte auch Pfarrerin Britta Schleyer aus Sachsenheim bei der Konzeption des diesjährigen Krippenspiels mit. „Es werden auch berühmte Persönlichkeiten aus Oberriexingen im Krippenspiel dargestellt. Im kommenden Jahr soll ein bekannter Sachsenheimer folgen“, betont Elke Gratz.

„Wie im provenzalischen Krippenspiel soll das Jesuskind in unserer Gemeinde mitten in Oberriexingen oder Sachsenheim zur Welt kommen. Dies bringt uns die eigentliche Weihnachtsgeschichte noch näher. Die Geburt des Jesuskindes bewirkt in den Menschen vieles, denn der Fischhändler verkauft plötzlich statt der alten Fische nur noch Frischwaren, der Faule wird wieder aktiv oder der Geizige milde“, stellt Hähnle fest.

Die Aufführung des Krippenspiels findet am zweiten Weihnachtstag, 26. Dezember, ab 10 Uhr im Rahmen des Festgottesdienstes in der Oberriexinger Georgskirche statt. Die Krippenszenerie aus der Provence kann noch bis 6. Januar bewundert werden. Da die Kirche in Oberriexingen um diese Jahreszeit nicht immer geöffnet ist, sollten sich Besucher vorher unter Telefon (07042) 1 38 82 bei Pfarrersfamilie Gratz ankündigen.