Alexander Kartschalls großes Hobby ist der Flugmodellbau. „Besonders begeistert bin ich von den Flugzeugen, die im Zweiten Weltkrieg zum Einsatz kamen.“ Den Diplom-Ingenieur interessieren Geschichte und Technik dieser historischen Flugzeuge. Besonders angetan hat es dem Wiernsheimer das Modell „Messer schmitt Me 262“, das als eine der propagierten „Wunderwaffen“ des Dritten Reichs galt, mit dem in den letzten Kriegsmonaten doch noch die erhoffte Wende herbeigeführt werden sollte. Damit befasst sich jetzt auch sein Buch „Produktion der Messerschmitt Me 262“. Ein Teil daraus ist aus Sachsenheimer Sicht besonders spannend. Denn Kartschall hat erstmals aufgearbeitet, wie konkret die Pläne für die Produktion des Fliegers in den hiesigen Stollen am Enzhang waren, der 1988 zugeschüttet wurde.

Die ‚Me 262‘ war das erste in Serie gebaute Düsenflugzeug der Welt und wurde gegen Ende des Zweiten Weltkriegs als Jäger und Jagdbomber eingesetzt. „Mich hat die Frage bewegt, wie dieses außergewöhnliche Flugzeug gegen Ende des Krieges überhaupt noch in großer Anzahl produziert werden konnte“, berichtet Kartschall. Entscheidend waren Häftlinge aus Konzentrationslagern, die die großen Untertageanlagen bauten. Bei der Aufarbeitung hat der Ingenieur nicht nur in deutschen Archiven und Museen Quellen studiert, sondern auch im Amerikanischen Nationalarchiv in Washington, im Imperial War Museum in London und im Archiv der Airbus Corporate Heritage. Zudem hatte Alexander Kartschall Kontakt zu unterschiedlichen lokalen Geschichtsvereinen, deren Mitglieder ihn bei seinem Quellenstudium unterstützten.

Unter anderem trat Kartschall dabei auch in Verbindung zum Verein für Heimatgeschichte in Sachsenheim und dem Bürgerforum in Unterriexingen. Herbert Ade Thurow vom Sachsenheimer Verein ist ganz begeistert von den Entdeckungen: „Jetzt gibt es handfeste Beweise, dass so etwas geplant war. Herr Kartschall hat belegt, dass Pläne bestanden und zu einem gewissen Grad begonnen wurden.“ Vor rund 15 Jahren, als er und seine Mitstreiter sich mit dem Projekt befasst hatten, hätten sie oft die Antwort bekommen: „Ich weiß was, aber ich sag’ nichts.“ Kartstall gelang nun der Durchbruch.

Montage und Flugplatz vor Ort

„Um den Bombenangriffen der Alliierten zu entgehen, wurde die Produktion der ‚Me 262‘ ausgelagert. Dafür suchten die Verantwortlichen vor allem Bahn- und Straßentunnels oder sie ließen eigene Stollenanlagen bauen“, berichtet Kartschall. Es entstand für die Produktion der ‚Me 262‘ ein weit verzweigtes unterirdisches Netz mit immer kleiner werdenden Verästelungen.Die Endmontage der Flugzeuge sollte in Waldwerken erfolgen. Auch der Steinbruch in Vaihingen sollte mit einem Dach aus Beton versehen werden. Die Endmontage der Flugzeuge – so ergaben es die Forschungen – sollte auf dem nahegelegenen Flugplatz in Großsachsenheim stattfinden und zwar in einer „winter- und bombensicheren Verlagerung“, wie es in den Quellen heißt.

Gemeint war, nach den Recherchen des Hobbyhistorikers, die Stollenanlage, die ab dem Jahr 1944 in die Weinberge bei Unterriexingen getrieben wurde. Diese Anlage sollte aus vier Hauptstollen mit zahlreichen Querstollen bestehen mit dazwischenliegenden 14 Meter breiten Hallen für die Endmontage der Flugzeuge. „Diese Stollen mussten die KZ-Häftlinge errichten, die dafür in einem kleinen Konzentrationslager zwischen Unter- und Oberriexingen untergebracht wurden“, weiß Kartschall.

Bisher  wusste aber niemand mehr die genaue Lage dieses KZ. „Mithilfe eines historischen Luftbilds konnte ich diese nun nachweisen. Es lag direkt an der Straße nach Oberriexingen, nur 300 Meter vom heutigen Ortseingang nach Unterriexingen entfernt“, erläutert Kartschall. Die Stollenanlage im Enzhang ging im November 1944 an Daimler-Benz über. Die Vertreter des Konzerns wollten dort die Produktion eines Drei-Tonnen-LKW unterbringen, und ein firmeneigener Architekt hat dazu die Stollen detailliert beschrieben. „1944 reichte das Stollensystem 100 Meter weit in den Berg hinein. Gerüchte besagen, dass die Güterbahnlinie, die von Vaihingen nach Enzweihingen führte, bis zum Flugplatz in Großsachsenheim verlängert werden sollte. Dort sollten die montierten Flugzeuge eingeflogen werden“, erzählt Kartschall.

Zur Person Alexander Kartschall


Alexander Kartschall ist Jahrgang 1974 und Diplomingenieur Maschinenbau. Er lebt in der Nähe von Stuttgart und ist im Bereich Motorenentwicklung bei einem Automobilhersteller tätig. Die Interessen sind vielseitig, sie reichen vom Flugmodellbau über Elektronikbasteleien, Programmiertätigkeiten bis zu Oldtimern.

Als Hobby-Historiker beschäftigt er sich nicht nur mit der Geschichte seiner Heimat, sondern auch mit der Geschichte technischer Entwicklungen, insbesondere auf dem Gebiet der Luftfahrttechnik.

Das Buch „Produktion der Messerschmitt Me 262“ ist bei der Internetplattform Epubli erschienen und kann dort bezogen werden. bz

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