Vaihingen Bahn schließt Reisezentrum

Von 2019 an betreiben die Bahnunternehmen Go-Ahead und Abellio den Schienenpersonennahverkehr auf den Bahnstrecken, die durch Stuttgart führen. Die Bahntocher DB-Vertrieb wird deshalb das Reisezentrum im Vaihinger Bahnhof schließen.
Von 2019 an betreiben die Bahnunternehmen Go-Ahead und Abellio den Schienenpersonennahverkehr auf den Bahnstrecken, die durch Stuttgart führen. Die Bahntocher DB-Vertrieb wird deshalb das Reisezentrum im Vaihinger Bahnhof schließen. © Foto: Sabine Rücker
Vaihingen / sr 09.08.2018

Der Wechsel rückt näher: Den Schienenpersonennahverkehr auf den Bahnstrecken, die durch Stuttgart führen, werden von 2019 an die Bahnunternehmen Go-Ahead und Abellio betreiben. Diese Tatsache nimmt die Bahntocher DB-Vertrieb zum Anlass, das Reisezentrum im Vaihinger Bahnhof zu schließen.

Die Ankündigung der Deutschen Bahn steht: Das Reisezentrum im Vaihinger Bahnhof schließt seine Pforten. „Ab Juni 2019 wird die Strecke Stuttgart-Karlsruhe von einem neuen Eisenbahnunternehmen betrieben“, lässt die Bahnsprecherin kurz und knapp per E-Mail wissen. „Der neue Betreiber hat der DB Vertrieb GmbH nicht den Auftrag erteilt, das Reisezentrum weiter zu betreiben. Das Reisezentrum der DB Vertrieb GmbH schließt deshalb seine Pforten; die Mitarbeiter werden in anderen Reisezentren der DB Vertrieb GmbH eingesetzt“, heißt es weiter – fertig.

Ab Juni 2019 sind in Baden-Württemberg im Nahverkehr neue Betreiber unterwegs. Das Land hatte mit der Ausschreibung und der Vergabe eine Auflage der EU umgesetzt, berichtete hierzu Winfried Hermann, Verkehrsminister im Ländle, in einer Broschüre. Die Abellio GmbH wird ab Juni 2019 die Regionalbahn-Verkehre Stuttgart–Bietigheim-Bissingen–Vaihingen-Mühlacker–Pforzheim/Bruchsal-Heidelberg übernehmen. Die IRE-Leistungen von Stuttgart über die Neubaustrecke nach Vaihingen und weiter nach Karlsruhe werden zum gleichen Zeitpunkt von der Go-Ahead Verkehrsgesellschaft Deutschland GmbH übernommen. Laut Verkehrsministerium in Stuttgart können die Fahrgäste in den sogenannten Stuttgarter Netzen, dem SPNV-Netz 1, in Zukunft von besseren Leistungen und einem größeren Angebot im regionalen Schienenverkehr profitieren. „Dort werden barrierefreie und voll klimatisierte Neufahrzeuge eingesetzt, die zudem über ausreichenden Platz zur Fahrradmitnahme und über kostenloses Wlan verfügen werden“, wird Minister Hermann zitiert. Da kommt schon Vorfreude auf, doch dann der Schreck: Die Bahn kündigt an, Reisezentren zu schließen.

Zu den Dingen, die seit einiger Zeit vom Publikum weitgehend unbemerkt ablaufen, kann Matthias Lieb berichten. Lieb ist Experte in Sachen Eisenbahnverkehr. Er kommt aus Mühlacker und ist Landesvorsitzender beim Verkehrsclub Deutschland (VCD) sowie Vorsitzender des Fahrgastbeirats. „In dem Zusammenhang musste die Frage nach dem Erwerb von Fahrkarten neu geregelt werden“, erläutert Lieb zur Neuordnung des Schienenpersonennahverkehrs (SPNV) auf den Stuttgarter Netzen. Für die Fahrkartenautomaten seien zukünftig die beiden Gesellschaften Abellio und Go-Ahead zuständig. Die DB-Automaten werden Lieb zufolge im Stuttgarter Netz durch gleich aussehende Automaten ersetzt.

Aber wie sieht es mit dem sogenannten personenbedienten Verkauf aus? Lieb: „Da sind die neuen Betreiber vertraglich verpflichtet, überall dort, wo es heute Verkaufsstellen gibt, entsprechende Verkaufsstellen im Umkreis von 500 Metern anzubieten.“ Allerdings sei man seitens des Ministeriums davon ausgegangen, dass die Bahn ihre Reisezentren fortführt, da dort auch die Fahrkarten für den Fernverkehr verkauft werden, so Lieb weiter. Die neuen Betreiber können für den Fahrkartenverkauf für den Fernverkehr keinen Auftrag erhalten, da das Land dafür nicht zuständig ist, erläutert Lieb.

„Jetzt überrascht die DB-Vertrieb mit der Aussage, dass sie das Vaihinger und andere Reisezentren ganz schließen möchte“, sagt Lieb. Damit wäre dann auch der Verkauf von Fahrkarten des Fernverkehrs nicht mehr möglich. „Das Pokern ist jetzt: Wer darf da rein?“, fasst Lieb seine Einschätzung in Sachen Reisezentren zusammen.

Go-Ahead verhandelt

Für das Vaihinger Reisezentrum übernimmt Go-Ahead diese Verhandlungen, für Mühlacker – dort gibt es am Bahnhof eine Mobilitätszentrale – die Abellio. Abellio habe hierbei entschieden den Kartenverkauf selbst zu leisten, da die Dienstleistungen der DB zu teuer sind, sagt Lieb. „Wir sind an einer Fortführung der Mobilitätszentrale Mühlacker in ihrer jetzigen Form interessiert und führen diesbezüglich Gespräche mit dem Verkehrsverbund Pforzheim-Enzkreis (VPE)“, berichtet Annemone-Hannelore Schuster von Abellio auf Nachfrage der VKZ.

In Vaihingen könnte es einen Hoffnungsschimmer geben. „Wir sind nicht gezwungen, Fernverkehrstickets zu verkaufen, würden das aber machen wollen“, sagt Hans-Peter Sienknecht, Kaufmännischer Geschäftsleiter bei Go-Ahead Baden-Württemberg. Sienknecht sieht die Übernahme des Reisezentrums „von unserer Seite angeschoben“. Spätestens im Frühherbst sollte eine konkrete Aussage machbar sein, hofft Sienknecht.

Gespräche über Übernahme des Reisezentrums laufen

Überall dort, wo sich die Bahn zurückzieht und Reisezentren schließt, versuche Go-Ahead, einen Agenturvertrag mit der DB-Vertrieb zu bekommen, um schließlich „das volle Paket“ anbieten zu können, so Hans-Peter Sienknecht von Go-Ahead. Die neuen Automaten seien ebenfalls in der Lage, Nahverkehrs- und Fernverkehrstickets auszuspucken, lässt Sienknecht wissen.

In Sachen Reisezentrum und personenbedienter Fahrkartenverkauf „laufen Gespräche, es gibt schon Absprachen zwischen uns und DB-Vertrieb, wir hätten gehofft, dass wir schon weiter sind“, sagt der Mitarbeiter von Go-Ahead. Wenn die DB also aus ihrem Reisezentrum rausgeht, „würden wir reingehen wollen“, heißt es bei Go-Ahead.

„Es ist sehr unbefriedigend, dass hier auf dem Rücken der Fahrgäste und der Belegschaft um ein paar Euro gepokert wird“, ärgert sich derweil Matthias Lieb. Das Land übe Druck auf die Parteien aus, sich zu einigen, weiß er zu berichten. Im schlechtesten Fall schließe die DB ihre Reisezentren und der neue Betreiber dürfe nicht in den Bahnhof. Erst kürzlich habe der Fahrgastbeirat das Thema ausführlich mit dem Land diskutiert und auf fahrgastfreundliche Lösungen gedrängt. Das Land habe zugesichert, dass weitere Verhandlungen stattfinden. „Die Zeit drängt“, findet Matthias Lieb, Landesvorsitzender beim Verkehrsclub Deutschland (VCD). sr

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