Es ist eine kleine Sensation, was da im Dach des Sersheimer Kirchturms gefunden wurde: Ein Gehölz, das im Jahr 1158 seinen Ursprung hatte – und zwar im Schwarzwald. Und noch mehr: Der Fund ist ein Beleg dafür, dass Holz bereits Anfang des 15. Jahrhunderts vom Schwarzwald über die Enz in unsere Gefilde geflößt wurde.

Seit längerer Zeit interessieren sich einige Bewohner der Region für das Flößholz, das vor vielen Jahrhunderten vom Schwarzwald die Enz heruntergetrieben wurde und hier als Brennholz oder zum Bauen genutzt wurde. Denn in unseren Gefilden war zum Ende des Mittelalters laut Sersheims evangelischem Pfarrer Johannes M. Rau kaum Platz für den Anbau von Nutzholz: „Hier gab es nicht so viel Holz, weil intensiv Weinbau betrieben wurde“, erklärt er, „um das Jahr 1500 hatten wir hier nämlich eine viel wärmere Zeit als man für jetzt befürchtet.“

Dass deshalb Holz aus dem Schwarzwald die Enz hinunter geliefert wurde, ist bereits bekannt. „Der jetzige Fund bestätigt das und ist zudem ein Hinweis, seit wann auf der Enz aus dem Schwarzwald heraus geflößt wurde“, ist Rau begeistert.

Gefunden wurde das Holz im untersten Stockwerk des Turmdachs, also in der ersten Balkenlage über dem Kreuzgewölbe. Da noch ein Stück Rinde zu erkennen war, konnte Tilmann Marstaller per Bohrung Holzproben in Form eines langen Stöckchens entnehmen. Marstaller ist im ganzen Land gefragt als Spezialist für Dendro-Chronoligie, also für Baumzeitbestimmung.

Seine Laboruntersuchungen ergaben nun: Der Eichenbalken wurde im Winter des Jahres 1408/09 geschlagen und war damals genau 250 Jahre alt, wie die Ringe im Stamm zeigen. „Der Baum ist also im Jahr 1158 aus einer Eichel entstanden“, triumphiert Rau, „damit ist er in jeder Hinsicht der bisher älteste Nachweis für eine auf der Enz geflößten Eiche.“

Für die Gemeinde ein echter Schatz, findet Rau: „Sersheim hat an historischem Material sonst wenig zu bieten. Das einzige, was wir haben, ist der Kirchturm mit der historischen Haube“, betont er. Der Turm stammt in seinem Kernteil nach bisherigen Vermutungen etwa aus dem Jahr 1100. Erhalten ist aus dieser Zeit noch der Rumpf des Turms mit seiner dicken Mauer bis unter die Glockenstube.

Das spätgotische Deckengewölbe im Turm wurde hingegen wohl um 1400 eingezogen. Dazu passt auch der aktuelle Fund, der in dieser Zeit seinen Weg nach Sersheim gefunden hatte. Im Zuge von Umbaumaßnahmen im Jahr 1409, so Rau, sei das Holz dann in der Innenkonstruktion des Turms verarbeitet worden. Damals war die Kirche selbstverständlich noch katholisch, denn Reformator Martin Luther wurde erst mehr als 80 Jahre später geboren.

Dass das Holz aus dem Schwarzwald über die Enz nach Sersheim gelangt ist, davon zeugen die spezifischen Wiedlöcher, auch Floßaugen genannt. Sie wurden in die Enden der Stämme geschlagen, um das Bauholz in Flöße einzubinden und es so auf dem Fluss zu transportieren.

Das heutige Dach des Turms ist übrigens wohl 1732 entstanden. Das legen Proben nach, die auf dieselbe Art und Weise gewonnen wurden. Zwar wurden auch ältere Hölzer gefunden. Diese stammen aber, so die Ergebnisse, aus Zweitverwertung. Für die damalige Zeit eine nicht unübliche Vorgehensweise, um Kosten zu sparen. „Die entscheidenden Balken stammen aber aus dem Jahr 1731“, erklärt der Pfarrer. Damit ist das Wahrzeichen der Stadt heute 284 Jahre alt. Der ausführliche Forschungsbericht zu den Untersuchungen geht in Kürze bei der Kirchengemeinde ein und kann dann von Interessierten angefordert werden.