Oberriexingen / MARTIN TRÖSTER  Uhr
Ulrich Gratz ist evangelischer Pfarrer in Oberriexingen und Leiter der Notfallseelsorge im Kreis, die Seelsorger zur Absturzstelle entsendet hat. Was können sie bewirken?

Herr Gratz, wie kann  ein Notfallseelsorger nach einem Flugzeugabsturz an der Unglücksstelle  Angehörigen helfen?

ULRICH GRATZ: Das Wichtigste für uns ist, dass man Menschen in dieser schrecklichen Situation nicht alleine lässt, dass man sie dieser Situation nicht schutz- und hilflos ausliefert. Zuvor muss durch andere Hilfskräfte- und Organisationen sichergestellt sein, dass sie Unterkunft und Transport haben, dass sie die Möglichkeit haben, sich zu verabschieden. Angehörige, die erlauben, dass man sie begleitet, werden jetzt begleitet bei Gesprächen mit Behörden, bei Gängen zur Un fallstelle, zur Identifikation. Sie brauchen jetzt jemanden, der sie an die Hand nimmt.

Aber nicht alle erlauben das?

GRATZ: Es gibt verschiedene Arten von Trauerschock-Reaktionen. Manche sind tatsächlich sehr kontrolliert und können alles selbst bewältigen. Die handeln vor Ort sehr zielgerichtet. Dann gibt es Leute, die sind völlig apathisch, die sind wie in Watte gepackt. Es gibt auch Leute, die alles aus sich herausschreien.

Was macht man da als Seelsorger?

GRATZ: Aushalten. Das ist sicher eine der schwersten Aufgaben eines Notfallseelsorgers. Unsere Aufgabe ist es nicht, diese Schreienden zur Räson zu bringen, sondern bei ihnen zu bleiben und aufzupassen, dass nichts passiert, weil sie zum Beispiel die Vorsichtsmaßnahmen außer Acht lassen. Ein Notfallseelsorger muss wissen, dass all diese Reaktionen normal sind. Er muss jetzt schauen, dass die Trauer in gute Bahnen kommt.

Leid zu lindern, ist also nicht die Hauptaufgabe?

GRATZ: Nein, es geht in der Akutphase zunächst darum, nicht noch weiteres Leid hinzuzufügen. Wenn sie sich in dieser Situation über einen längeren Zeitraum hilflos und schutzlos ausgeliefert fühlen, wenn zum Gefühl der Ohnmacht noch das Gefühl des Alleingelassenwerden dazukommt, dann wirkt das lange nach. Wenn sie jetzt einen Beistand haben, ist die Chance, dass die Trauerarbeit später gut gelingt, viel, viel größer.
           
Flugzeugabsturz: Ludwigburger Seelsorger im Einsatz in Frankreich