Ein wenig muss sich Holger Albrich noch gedulden. Der am Sonntag zum künftigen Bürgermeister Sachsenheims gewählte 48-Jährige tritt sein Amt im Mai als Nachfolger von Horst Fiedler an. Schon jetzt ist er voller Tatendrang. Die BZ hat mit ihm über seinen Wahlsieg und den Druck, jetzt liefern zu müssen, gesprochen.

Haben Sie von Sonntag auf Montag gut geschlafen?

Holger Albrich: Wenig auf jeden Fall. Es gab zu viel zu verarbeiten. Zudem war die Nacht kurz. Ich bin, nachdem ich etwa 150 WhatsApp-Nachrichten auf dem Handy beantwortet habe, gegen halb 3 ins Bett – und mit den Kindern wieder früh aufgestanden.

Gab es eine Feier?

Wir sind noch mit Freunden und Verwandten ins Vereinsheim der Sportfreunde Großsachsenheim hinter die Eisenbahnbrücke gegangen.

Vermutlich zu Fuß.

Ja, lustigerweise haben wir direkt vor meinem Elternhaus in der Hans-Sachs-Straße 10 geparkt. Das war der nächste Parkplatz. Von dort sind wir dann runtergelaufen und über die Fußgängerbrücke. Die spontane Feier dort war für mich besonders schön. Dort habe ich das Fußballspielen gelernt, direkt daneben ist mein Tennisverein, dessen Vorsitzender ich bin. Mir ist richtig warm ums Herz geworden.

Sie haben sich am Wahlabend selbstbewusst präsentiert. Waren Sie wirklich so vom Sieg überzeugt?

Ich war überzeugt, dass es auf Anhieb klappen kann. Ich habe immer noch eine Schippe draufgelegt. Das hat sich bezahlt gemacht, die Leute haben das honoriert.

Sie sind Großsachsenheimer, auch wenn Sie gerade in Ludwigsburg wohnen. Welche Rolle hat der Heimvorteil gespielt?

Er hat in meinem Fall sicher eine positive Rolle gespielt. Wenn man aus der Stadt kommt, kann das gut oder schlecht sein – je nachdem, wie man wahrgenommen wird. Dass dann auch noch die Vernetzung so gut funktioniert, mit alten und neuen Bekanntschaften, war für mich ideal.

Und wie wichtig waren die Vereine?

Ich glaube schon, dass das ein wichtiger Faktor war. Die Vereine sind Multiplikatoren. Und die Verantwortlichen haben gesehen: Das ist einer von uns, der wird wissen, wie man uns fördern kann. Deshalb habe ich auch gesagt: Die Vereinsförderung ist für mich Chefsache. Da kann man mit wenig viel bewirken. Ich denke schon, dass das gezogen hat.

Die vielen Gespräche und die gute Vernetzung wecken natürlich auch Erwartungen. Spüren sie da großen Druck, den Worten auch Taten folgen zu lassen?

Ich fühle bei allem, was ich tue Verantwortung. Dieses Wort gefällt mir besser als Druck. Ein wichtiger Handlungsantrieb für mich ist es, das in mich gesetzte Vertrauen zu rechtfertigen; ich bezeichne mich als sehr verbindlich. Und ich möchte mich an meinen Taten messen lassen, denn mir ist klar, dass ich mich in den nächsten acht Jahren für eine zweite Amtszeit bewähren muss.

Wie schnell sind die drängenden Probleme wie Verkehr, Wohnungsbau oder Innenstadt zu lösen?

Einige Dinge können wir kurzfristig anpacken, wie in der Innenstadt das kaputte Kopfsteinpflaster zu reparieren und öffentliche Orte besser zu pflegen und zu unterhalten. Wir sollten auch auf Tempolimits, zum Beispiel  durchgängig Tempo 30 in der Kleinsachsenheimer Ortsdurchfahrt, drängen. Für andere Vorhaben benötigt es einen langen Atem: Wir müssen schnellstmöglich Konzepte für die Entwicklung der Großsachsenheimer Innenstadt, Verkehr, Infrastruktur und Bauen und die Entwicklung der Stadt als Wirtschaftsstandort auf den Weg bringen. Auch dafür müssen wir jetzt die Leute an den Tisch holen und gemeinsam diskutieren.

Hört sich nach Bürgerdialogen an.

Ja, aber in einer niederschwelligen Form und nicht in einen rechtlichen Rahmen gepresst. Wir müssen uns austauschen, den Sachverstand der Menschen nutzen und die Interessen vor Ort abwägen.

Bürgermeister Horst Fiedler hat seine Hilfe in den kommenden Wochen angeboten. Werden Sie das annehmen?

Selbstverständlich. Ich werde mich, wenn er sich die Zeit nimmt, mit ihm regelmäßig austauschen, um am 2. Mai direkt loslegen zu können. Mich interessieren seine Einschätzungen, seine Prioritäten, und wo er Handlungsbedarf sieht.

Was müssen Sie denn noch über Sachsenheim lernen?

Welche Projekte genau in der Pipeline stecken. Und ich muss die Haushaltssituation noch besser verstehen.

Und über Kommunalpolitik?

Vor allem die Struktur, den Aufbau und die Arbeitsweise der Stadtverwaltung.

Wie gestalten sich die nächsten Wochen für Sie?

Ich werde meine Projekte und Aufgaben im Ministerium für Soziales und Intergration weiter bearbeiten und übergeben. Gleichzeitig werde ich mich auf Sachsenheim vorbereiten, weitere Gespräche führen und für alle ansprechbar sein.

Wann geht es los mit der Wohnungssuche in Sachsenheim?

So bald wie möglich. Ich bekomme da gleich mal ein drängendes Thema in Sachsenheim selber zu spüren: Die Wohnungsnot.

Hat Sie das große Interesse an der Bürgermeisterwahl überrascht?

Es gab solche Diskussionen lange nicht. Vor acht Jahren gab es keinen ernsthaften Gegenkandidaten zu Horst Fiedler. Und die Leute habe das Gefühl: Jetzt muss in vielen Bereichen etwas passieren. Bauen, Wohnen, Innenstadtentwicklung – wir haben die Gelegenheit, das alles noch mal zu diskutieren, und dann vor allem mit einem neuen Bürgermeister und einem neuen Gemeinderat viele Dinge auch umzusetzen. Ich würde mir wünschen, dass der Faden nicht abreißt und der Schwung mitgenommen wird. Das ist meine Intention, die Bürger zu beteiligen – und zwar möglichst früh. Auch bei den Jugendlichen ist mir der Austausch im Wahlkampf schon gelungen, zum Beispiel beim Kicken am Samstag. Man muss ihnen zuhören und sie ernst nehmen. Die Jugendlichen wissen selbst am besten, was sie brauchen. Sie möchten angehört werden, sie möchten aktiv sein. Man muss es ihnen nur ermöglichen.

Ein Sieg im ersten Wahlgang ist bei sieben Kandidaten beachtlich. Aber fast die Hälfte der Wähler hatte eben auch einen anderen Favoriten, vor allem im Kirbachtal. Wie beurteilen Sie das?

Das ist ein herausragendes Ergebnis und ein überragender Vertrauensbeweis. Ich bin völlig zufrieden. Im Kirbachtal hätte ich mir noch bessere Ergebnisse gewünscht, vor allem in Hohenhaslach und Häfnerhaslach, wo ich nicht gewonnen habe, obwohl ich auch dort sehr präsent war.

Wie gehen Sie damit um?

Für mich ist das das Signal, noch mehr den Dialog zu führen, um die Stadtteile zu verbinden. Deshalb habe ich auch die Idee, jedem Stadtteil jährlich ein festes Budget für wichtige Vorhaben vor Ort zur Verfügung zu stellen. Wir müssen die Ortschaftsräte stärken und stärker beteiligen, und dafür sorgen, dass zwischen Stadtverwaltung und Stadtteil besser kommuniziert und der Sachverstand vor Ort besser genutzt wird. Auch den ÖPNV zwischen den Stadtteilen sollten wir versuchen, zu verbessern. Das jährlich durch die Stadtteile wandernde Stadtfest will ich auch diskutieren.

Zur Person: Holger Albrich


Der 48-jährige Verwaltungsjurist Holger Albrich wurde am Sonntag mit 54,6 Prozent im ersten Wahlgang zum neuen Sachsenheimer Bürgermeister gewählt. Er ist aufgewachsen in Großsachsenheim, wohnt aktuell mit Frau Melanie und seinen beiden Söhnen in Ludwigsburg. Albrich arbeitet derzeit noch im Ministerium für Soziales und Integration in Stuttgart. Im Mai tritt er die Nachfolge Horst Fiedlers als Bürgermeister an. bz