Ja, ich wäre gerne Schauspieler geworden“, sagt Bernd Schlegel, 1993 Gründungsmitglied und seit damals Vorsitzender des Oberriexinger Theaters unter der Dauseck. Doch „ich schaffte den Sprung nicht, wagte es nicht“. Also wurde er Pädagoge, leitete bis zu seiner Pensionierung vor Kurzem das Sonderpädagogische Bildungs- und Beratungszentrum Uhlandschule in Marbach. Doch seit seiner Jugend gehört seine ganze Leidenschaft, sein ganzes Herz, wie er sagt, dem Theater.

In Pforzheim, wo er aufwuchs, hat alles angefangen: Der junge Schlegel war begeistert von der Probebühne des Alten Stadttheaters. „Wir standen ewig an der Abendkasse an, um uns für eine Mark eine Eintrittskarte für ein Fassbender-Stück zu kaufen. Die Plätze waren der Fußboden vor der Bühne“.  Dort entstand die Liebe zum Theater.

Er spielt jahrelang

Bernd Schlegel beginnt zwar ein  Studium der Sonderpädagogik in Ludwigsburg, aber er spielt jahrelang nebenher auf Freilichtbühnen. Sein Freund Rupert Hausner, der mit ihm studiert, ist Mitbegründer des Theater Lindenhof. Heute spielt er beim Landestheater Tübingen. Ein anderer Freund, Walter Menzlaw, gründete 1983 das Chawwerusch-Theater in Herxheim, auch dort tritt Schlegel auf. Diese beiden Freunde und die Beziehungen zu den Ensembles und der damit verbundene Austausch dauern bis heute an.

Bernd Schlegel wählt den, wie er sagt, vernünftigen Weg, wird Lehrer, zieht mit seiner Familie nach Oberriexingen. Als dort 1992 die 1200-Jahr-Feier organisiert wird, gründet er mit anderen Bürgern eine Theatergruppe, um das Theaterstück „So a Metzlsupp“ zu spielen. Die Geburtsstunde des Theaters unter der Dauseck. Mehr als zehn Jahre spielt das Laienensemble in der Stadthalle Oberriexingen, beginnt aber auch bald, Gastspiele mit anderen Theatern zu organisieren.

2006 hat das Theater die Nase voll von schwäbischen Volksstücken und verändert sich total, auch, weil Schlegels zweite Frau, Barbara Schüßler, ein Händchen dafür hat, inhaltlich hochwertige historische Stücke zu schreiben. Als es noch niemand macht, entdecken die Oberriexinger den Theaterspaziergang als Nische. „Daheim isch dahoim“ heißt das Stück mit sieben Stationen, das den Zuschauer durch das Oberriexingen des Jahres 1954 führt, dem Jahr der gewonnenen Fußballweltmeisterschaft. Es wird ein riesengroßer Erfolg, halb Oberriexingen spielt mit, alle Aufführungen sind ausverkauft.

Zwölf Spaziergänge spielt das Ensemble bis heute, fast alle geschrieben von Barbara Schüßler, in allen spielte Bernd Schlegel mit. Das Ensemble besteht mittlerweile aus mehr als 30 Personen, die aus dem ganzen Landkreis kommen, und für jedes Projekt stoßen neue Schauspieler hinzu. Heute hat das Ensemble auch drei feste Produktionsteams, die abwechlungsweise die Stücke inszenieren. Bald spaziert das Theater unter der Dauseck auch durch andere Ortschaften wie Freudental, Bönnigheim, Marbach oder Oberderdingen. Im Schlepptau immer gruppenweise Stammpublikum – egal, wohin die Reise geht. Das Theater ist bald so erfolgreich, dass sich Kommunen für einen Theaterspaziergang bewerben, wie auch Korntal, der Ort des diesjährigen Spaziergangs „heimfinden“.

Stefan Benning, heutiger Kulturamtsleiter der Stadt Bietigheim-Bissingen, fragt Bernd Schlegel 2010, ob das Ensemble nicht für den Kulturtag Bietigheim XXL ein Stück machen will, über den Ersten Weltkrieg, das im Hof der Lateinschule aufgeführt wird und auf historischem Material von Christa Lieb basiert. Gesagt, getan. Mit dem Projekttheater XXL entsteht im Theater unter der Dauseck eine neue Sparte, die seither immer über die Wintermonate Stücke mit professionellen Schauspielern inszeniert, die dann in den Kulturräumen der lokalen Kommunen gespielt werden. Oder im Museum für Landesgeschichte in Stuttgart die Premiere zum Stück „Auf Anfang“ über die Weimarer Republik.

Der Lohn: Zahlreiche Auszeichnungen, Bundes- und Landespreise bekommt das Theaterensemble und wird über die Grenzen des Landkreises und Baden-Württemberg bekannt. Und der Kopf dahinter ist Bernd Schlegel. Der schüttelt genau diesen: „Nein, ich treffe keine alleinigen Entscheidungen, wir sind ein fünfköpfiges Vorstandsteam“, sagt er.

Aber seine Leidenschaft zum Theater, das ist eindeutig, hat dies alles erst möglich gemacht. „Ja, später war es dann eine Art Ausgleich zum Beruf, den ich auch gerne gemacht habe“, sagt der pensionierte Schulleiter. Es sei vor allem das Schlüpfen in die unterschiedlichsten Rollen, das ihm gefällt. „Als Pädagoge gibt es nur eine Rolle, und die muss authentisch sein, aber auf der Bühne kann ich loslassen und mich in jemand anderes hinein fühlen.“

Er bringt ein Beispiel: Zur Zeit arbeitet die Gruppe an einem neuen Stück, da soll Schlegel einen Toten spielen. „Es ist so ein Spaß, den Sarg auszuprobieren, sich nach Herzenslust im Sarg auszutoben, auch wenn sich das makaber anhört“, so der Schauspieler. Schon während er noch arbeitet, muss Schlegel nebenher jährlich für zwei Stücke lernen und dabei noch das Amt des Vereinsvorsitzenden und Managers wuppen. Ganz abgesehen von den Probephasen, die wochenlang täglich stattfinden. „Es vergeht und verging kein Tag, an dem ich nicht mindestens zwei Stunden etwas für das Theater gemacht habe“, sagt er, der auch für Sponsoren für die Stücke sorgt, da das Ensemble keine öffentlichen Gelder erhält.

Frau ist auch theaterbegeistert

„Das kann ich nur machen, weil meine Frau Barbara Schüßler auch so theaterbegeistert ist und mein Hobby teilt“, sagt er. Manchmal denke er schon, ob er nicht alles aufgeben und mit seiner Frau eine lange Reise machen soll. Denn zwischen dem Sommer- und dem Winterstück bliebe nur Zeit für kurze Urlaube oder Besuche bei Freunden aus der Theaterszene oder deren Aufführungen. „Aber dann steht man wieder auf der Bühne, hört den Applaus, sieht, wie zufrieden alle – Zuschauer und Beteiligte – sind, und alle Mühen sind vergessen“, sagt Bernd Schlegel.

Das Theater unter der Dauseck


Das Theater unter der Dauseck ist derzeit dringend auf der Suche nach einem Proberaum im Landkreis Ludwigsburg, am liebsten in Oberriexingen, Sachsenheim oder Bietigheim-Bissingen. Kontakt per E-Mail an info@theater-dauseck.de oder unter Telefon (07141) 242 09 27 bei Bernd Schlegel.

Benannt ist das Theater nach der Burg, die oberhalb Oberriexingens stand, es heute aber nicht mehr gibt. Ihre Steine wurden an anderer Stelle verbaut. Mitspieler und Mitmacher werden immer aufgenommen, zum Theater spielen, Kostüme herstellen, für die Technik oder für organisatorische Aufgaben, auch nur für ein Projekt.

Ein Gastspiel des Herxheimer Theaters Chawwerusch im Möbelhaus Schmid’s Domino in Sachsenheim ist das nächste Projekt des Theaters unter der Dauseck. Am Samstag, 30. März, 20 Uhr, und Sonntag, 31. März, 19 Uhr, wird „König Blutwurst I“ gespielt.

Der nächste Theaterspaziergang ist „heimfinden“ in Korntal, in Kooperation mit der Stadt und der Brüdergmeinde über die Gründung Korntals vor 200 Jahren. Er findet vom 22. Juni bis 4. August statt. Infos und Karten online. sz

www.theater-dauseck.de