Aufführung „Andorra“ ist auf der Treppe

„Andorra“ auf der Vaihinger Treppe: Die Judenschau läutet das dramatische Ende ein.
„Andorra“ auf der Vaihinger Treppe: Die Judenschau läutet das dramatische Ende ein. © Foto: Vera Gergen
Vaihingen / Vera Gergen 28.07.2018

150 Minuten höchster Eindringlichkeit und überzeugenden Schauspiels wurde den 240 Zuschauern am Donnerstagabend bei der Premiere des Theaterhauses Vaihingen vor der evangelischen Stadtkirche geboten. Für seine dritte Inszenierung hat sich das Amateur-Ensemble in diesem Jahr das Drama „Andorra“ vorgenommen.

Als Stück gegen den Antisemitismus wurde „Andorra“ nach seiner Uraufführung 1961 weltweit interpretiert. Dabei tritt in Max Frischs Parabel kein einziger Jude auf, auch wenn die Bezeichnung unzählige Male fällt. Der Schweizer Autor hat sein Werk als Modell gesehen, das Rassismus und Ausgrenzung ebenso thematisiert wie kollektive Vorurteile, Mitläuferschuld und die Frage nach der Identität eines Individuums im Vergleich zu dem Bild, das sich die anderen von ihm machen. Auch Thomas Happel, der erstmals Regie beim Vaihinger Theater führt, betont, dass es ihm darauf ankam, die Feindlichkeit gegen alles, was nicht der Norm entspricht, in den Fokus zu rücken. Ein Stoff also, der es nicht nur in sich hat, sondern der aktueller kaum sein könnte.

Vorurteile und Ausgrenzung

Das Drama in zwölf Bildern führt zunächst die Ausgrenzung Andris (Nico Wasserbäch), des angeblich jüdischen Pflegesohns des Lehrers Can (Michael Riedemann), aus der Gemeinschaft der Andorraner vor Augen, in dem diese eigene Schwächen in Form von Vorurteilen auf den Jungen übertragen. So wird Andri unter anderem als feige, geldgierig und ohne Gemüt beschimpft. Zunächst weigert er sich, für alles Negative den Kopf hinzuhalten, und kämpft gegen sein Schicksal an.

Er möchte Tischler werden und Barblin (Leila Eibeck) heiraten – seine vermeintliche Adoptivschwester, die ihn vorbehaltlos liebt. Weil er „als Jud“  als geborener Feilscher gilt, wird ihm die Wunschlehre verweigert und er wird stattdessen als Verkäufer beschäftigt. Zudem wird ihm vom Vater die Zustimmung zur Heirat verwehrt, weil er in Wahrheit kein jüdisches Findelkind, sondern ein unehelicher Spross Cans ist und Barblin folglich seine Halbschwester. Dies weiß Andri aber nicht, sondern führt das Nein des Lehrers ebenfalls auf sein „Jud sein“ zurück.

Altes Los der Juden

Weitere dramatische Wendungen und Intrigen der Andorraner führen schließlich dazu, dass der Junge vor den Vorurteilen und Anfeindungen kapituliert und sich mehr und mehr mit dem Bild, das man „von einem wie ihm“ hat, identifiziert. Dies reicht bis hin zur selbsterfüllenden Prophezeiung des Geschmähten, das alte Los der Juden als Sündenbock erleiden zu müssen. Obgleich Andris richtige Mutter, eine Schwarze, sich bei einem Besuch in Andorra ihrem Sohn offenbart, ist dieser schon so weit, dass ihn die Wahrheit nicht mehr erreicht: „Ich bin anders, ich wollte es nicht wahrhaben, aber es ist so. Ich hab’s angenommen!“

Als die Senora (Stephanie Däbritz) bei der Abreise ermordet wird, erfolgt der befürchtete Einmarsch des schwarzen Nachbarvolkes. Nur mit dem Auffinden „des Juden“ können die Andorraner diesen Überfall überstehen. Obwohl die meisten zu diesem Zeitpunkt die wahre Herkunft Andris kennen, schweigt die Mehrheit und macht sich so kollektiv schuldig an dem Jungen, der bei einer Judenschau von den rassistischen Fremden identifiziert und getötet wird.

Die Zerrissenheit der Hauptpersonen, ihre Entwicklung während des Stücks, die Dramatik der Geschehnisse und nicht zuletzt die Textfülle verlangte den Darstellern einiges ab. Umso eindrucksvoller erscheint vor dem Hintergrund, dass sich das Ensemble jährlich neu zusammenfindet und nur dreieinhalb Monate geprobt wurde, die Leistung jedes einzelnen Mitglieds. Minutenlanger Applaus und stehende Ovationen waren der Lohn für das Ensemble.

Info Die letzten zwei Aufführungen gibt es an diesem Samstag, 28. Juli, 20.30 Uhr, und am Sonntag, 29. Juli, 19.30 Uhr, auf der Süd-Treppe der Stadtkirche Vaihingen.

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