Sachsenheim / Michaela Glemser  Uhr

Die 667 Toten haben endlich wieder einen Namen. Seit Herbst vergangenen Jahres gibt es auf dem Zwangsarbeiter-Friedhof zwischen Sachsenheim und Unterriexingen große Edelstahltafeln, die auf einem langen Pult liegen, und auf denen in alphabetischer Reihenfolge die Namen, Lebensdaten und Geburtsorte von Menschen vorwiegend aus Osteuropa verzeichnet sind, die zwischen 1943 und 1945 im nahegelegenen Krankenlager auf dem Gelände des einstigen Militärflugplatzes ums Leben kamen (die BZ berichtete) In einer Feierstunde am Sonntagnachmittag wurden diese Tafeln offiziell eingeweiht.

„Wenn sich Menschen der Geschichte annehmen, ist das immer anerkennenswert. Sie bewahren die Vergangenheit und helfen uns damit, die Gegenwart zu verstehen und, im besten Fall, die Zukunft gut und erfolgreich zu gestalten. Deshalb verdienen die Mitglieder des Vereins für Heimatgeschichte unser aller Respekt und unsere Hochachtung“, lobte Sachsenheims Bürgermeister Holger Albrich. Leider konnte der inzwischen verstorbene Karl Heidinger, der gemeinsam mit Elisabeth Wanjura, Hermann Albrecht und Herbert Ade-Thurow viel Recherchearbeit leistete, um die Namen der Toten ausfindig zu machen, den Einweihungsfeierlichkeiten nicht mehr beiwohnen.

Mit Hilfe von Sterbefallanzeigen, Sterbefallbüchern im Standesamt Großsachsenheim und dank der Gräberliste für öffentlich gepflegte Gräber im Staatsarchiv Ludwigsburg hatten die Mitglieder des Vereins für Heimatgeschichte alle 667 Namen erforscht. Ursprünglich waren die 407 Menschen aus der Ukraine, die 177 aus Russland, die 42 aus Weißrussland, die 20 aus Polen und jeweils ein Zwangsarbeiter aus Kasachstan und Kroatien in Einzel-, Doppel-, Dreifach- und Vierfachgräbern bestattet worden, die jedoch bei der Umgestaltung des Friedhofs eingeebnet wurden. Die Namen auf den Holzkreuzen waren unleserlich geworden, und so gab es nur noch Steinplatten mit Sterbenummern.

 „Menschen sind aber keine Nummern. Sie sind Individuen mit eigenen Träumen, Geschichten, Leben und Sterben. Deshalb ist es so wichtig, dass diesen Menschen ihre Identitäten wieder gegeben wurden“, betonte Albrich. Er bezeichnete den Friedhof und seine Gedenkstätte als einen prägenden Teil der Sachsenheimer Stadtgeschichte. Die Stadt nehme die moralische Verantwortung wahr, sich um diesen Ort zu kümmern. „Wir sind uns der Bedeutung einer gelebten Erinnerung bewusst. Deshalb haben wir das Projekt nicht nur moralisch unterstützt, sondern auch finanziell mit über 23 000 Euro für die jüngste Sanierung“, machte er deutlich. Weitere 16 700 Euro kamen als Zuschuss von der Förderinitiative zur Instandsetzung von Kriegsgräbern des Landes.

Der ehemalige Direktor des Hauses der Geschichte Baden-Württemberg, Dr. Thomas Schnabel, erinnerte in seinem Vortrag an die damaligen Zustände in Deutschland, denen die Zwangsarbeiter zum Opfer fielen. „Die Menschen, die hier beerdigt liegen, sahen an diesem so schönen und scheinbar friedlichen Ort, wie dünn die zivilisatorische Schutzschicht ist und wie leicht ein Kulturvolk, für das wir alle die Deutschen halten, bereit ist, die uns heute so selbstverständliche Würde des Menschen in Frage zu stellen“, erklärte Dr. Schnabel. Er mahnte, dass ein Innehalten und Nachdenken über die eigene Vergangenheit helfen könne, nicht so schnell anderen Menschen die Würde abzusprechen aufgrund ihrer nationalen und religiösen Herkunft.

Die Zwangsarbeiter jedoch, von denen es am 30. Juni 1944 über 14 000 im Arbeitsamtsbezirk Ludwigsburg gab, wurden damals wegen ihrer Herkunft sehr unterschiedlich behandelt. Für ihre Arbeit in der Kriegswirtschaft, in kirchlichen  und kommunalen Einrichtungen wurden die Polen und Russen ganz verschieden bezahlt. Beziehungen zwischen Zwangsarbeitern und deutschen Frauen wurden nicht geduldet. Die Männer wurden ermordet, die Frauen kahl geschoren, durch den Ort getrieben und ins Gefängnis gesteckt. Schwangere Zwangsarbeiterinnen wurden zum Schwangerschaftsabbruch gezwungen. „Spät haben sich die Bundesrepublik und die deutsche Industrie zu ihrer Verantwortung bekannt. Umso mehr ist es unsere Aufgabe an diesen Teil der Geschichte des nationalsozialistischen Deutschlands auch auf regionaler und kommunaler Ebene zu erinnern“, so Dr. Schnabel.

Eintreten gegen Rassismus

Er verwies darauf, dass damit auch aktuell die Verpflichtung für ein Eintreten gegen Rassismus, Rechtsextremismus und Antisemitismus verbunden sei.  Dies war die wohl nachhaltigste Botschaft einer Feierstunde, die Emily Puz und Baris Kalender vom Lichtenstern-Gymnasium musikalisch umrahmten.