Im Dezember 2013 war die grüne Bundestagsabgeordnete zum vierten Mal seit dem Gau in Fukushima und an den havarierten Reaktoren. Sie hat Vertreter versprengter Nicht-Regierungsorganisationen (NGOs) getroffen, mit Wissenschaftlern diskutiert, Symposien begleitet und eine erstaunliche Kommission aus Wissenschaftlern, Rechtsanwälten, Ingenieuren und Bürgern getroffen: Sie stellen sich gegen den Export von Atommüll, setzen sich für die Bewältigung der Katastrophe ein, für Atom-Aufsichtsstrukturen, die Entsorgung und den Ausstieg aus der Atomenergie. "Wenn dermaßen viele kluge Köpfe mit solch einer Konstruktivität und Hartnäckigkeit am Thema sind, muss das etwas bewegen". Ihre Lesung aus dem eigenen Reisetagebuch am Freitag im Haus der Jugend zusammen mit aufrüttelnden Bildern ging unter die Haut.

Auf ihrer achttägigen Tour begleitet sie einen Rathausbeamten an seinen verlassenen Schreibtisch in der "Toten Stadt". Zehn Kilometer entfernt von Fukushima Daiichi. "Die Evakuierung", sagt er, "hat Tomioka nicht erreicht. Im Fernsehen wurden die atomare Katastrophe und der Tsunami heruntergespielt. Es dauerte ein Jahr bis der letzte Bürger die Stadt verlassen hatte". Zweieinhalb Jahre später ist Tomioka eine "intakte Geisterstadt", liest Sylvia Kotting-Uhl, "ohne sichtbare Zerstörung. Hier fasst einen das an, warum wir Grünen, seit es uns gibt, gegen die Atomkraft kämpfen: der unsichtbare Tod". Entlang der Straße zu den Unglücksmeilern in der Zone, die zur Wiederbesiedlung vorbereitet wird, reihen sich auf den Feldern hunderte von Säcken mit abgetragener Erde aneinander: "Keiner weiß, wohin damit". Auf dem Reaktorgelände selbst sind die Auffangbehälter für kontaminiertes Kühlwasser inzwischen immerhin geschweißt und nicht mehr verschraubt. Auf dem Gelände kann die Kapazität für den Kühlwasserverbrauch von 2000 Tagen bereitgestellt werden. Vor der Küste liegt der Pazifik. Als einzig mögliches Endlager? "Japan hat ein immenses Problem mit der Lagerung", erfährt die Bundestags-Abgeordnete, "nichts davon ist sicher. Es gibt keinerlei Entsorgungs-, Rückbau oder Haftungskonzept".

Der Ort der Hybris sieht für Sylvia Kotting-Uhl zweieinhalb Jahre nach der dreifachen Kernschmelze aus wie "eine ganz normale, aufgeräumte Baustelle". Ein zentrales Verwaltungsgebäude hat am 11. März 2011 das Erdbeben der nie gekannten Stärke Neun überdauert. Die deutsche Bundestagsabgeordnete wird gebeten, etwas zu sagen. Die Höflichkeit gebietet ihr, sich bei den Männern für ihre Arbeit zu bedanken und sie aufzufordern, im eigenen Interesse die Schutzmaßnahmen einzuhalten. Der Direktor der Anlage ist an Krebs gestorben.

Kurios: In Japan ist derzeit kein einziges der 52 Atomkraftwerke am Netz, weil die traditionelle Konsens-Orientiertheit ein Wiederhochfahren der Meiler verhindert. Die Kommunen lehnen ab. Trotz idealer ökologischer, wissenschaftlicher und technologischer Voraussetzungen gebe es in Japan nach wie vor keine Basis für eine Energiewende: "Die NGOs sind zu unterschiedlich ausgerichtet und strukturiert, um kampagnenmäßig zusammen zu arbeiten. Eine Bündelung der Kräfte ist kaum möglich", sagt Sylvia Kotting-Uhl. Trotzdem weiß sie: "Der Gau von Fukushima hat Japan verändert". Zum ersten Mal in der Geschichte des Landes gibt es eine von der Regierung eingesetzte heterogene Untersuchungskommission.

Neben dem "nuklearen Dorf" als "ganz engem, bestimmendem Komplex aus Politik, Medien und Energiekonzernen" gibt es inzwischen auch das "erneuerbare Dorf". Jun'ichiro Koizumi, Vorgänger des amtierenden Premierministers, ist heute der glühendste Verfechter eines Atomausstiegs. Gruppen wie die "AKW Zero", in der sich 63 Parlamentarier aller Couleur für den Atom-Ausstieg engagieren, arbeiten mit hohem persönlichen Risiko und werden doch ausgegrenzt. "Das sind zehn Prozent der Abgeordneten", sagt Sylvia Kotting-Uhl.

Typen wie Taro Yamamoto begeistern durch ihren forschen Auftritt: der Schauspieler, Abgeordnete und Antiatom-Aktivist, der im Juni ins Unterhaus gewählt wurde und als fraktionsloser Abgeordnete im japanischen Parlament weder Frage- noch Rederecht besitzt sei "leidenschaftlich, laut und echt".

Als Einzelkämpfer habe er beim Tenno die Stimme erhoben und eine Resolution verlesen: "Solche Menschen braucht die auf Unterwürfigkeit angelegte japanische Gesellschaft, um aus ihrer Lethargie aufzuwachen. An vielen kleinen Punkten wächst etwas", hat Sylvia Kotting-Uhl bei ihren Reisen festgestellt, "die Frage ist, ob das zum Umbruch reicht".