Feuerwehr Pfullingen Zwischen Erde und Himmel: Unterwegs mit den Höhenrettern

Von hoch oben bietet sich eine herrliche Aussicht: Höhenretter-Anwärter Timo Gaiser beim Training auf einem Kran im Industriegebiet Mark West.
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Brüstung loslassen – und dann geht es 38 Meter in die Tiefe.
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Die Höhenretter sind an ihren roten Anzügen zu erkennen (von links): Max Hecht, Bastian Maier und Timo Gaiser.
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Die Höhenretter sind immer mindesten zu fünft im Einsatz.
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Pierre Freundt sichert das menschliche Paket, das abgeseilt wird.
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Kathrin Kammerer

Hoch oben auf einem 38-Meter-Kran im Reutlinger Industriegebiet Mark West: Strahlend blauer Himmel und starke Windböen, eine herrliche Aussicht hat man von da oben. Und vor allem: seine Ruhe. Kranfahrer sollte man sein, zumindest ab und zu... Aber wenn es einem Kranfahrer plötzlich schlecht geht, wenn der Kreislauf zusammenbricht oder er einen Herzinfarkt bekommt, dann wird die idyllische Einsamkeit rasend schnell zum Verhängnis. Die Drehleiter der Feuerwehr ist lediglich 30 Meter hoch. Manche Notärzte schaffen den Aufstieg nicht, weil sie Höhenangst haben: Es wackelt ziemlich stark hier oben, mutig und schwindelfrei muss man definitiv sein. Wenn also ein Mensch alleine nicht mehr zur Erde kommt, dann kommen sie zum Einsatz: die Höhenretter der Pfullinger Feuerwehr. Seit 2009 gibt es die mittlerweile 18-köpfige Gruppe. Mit gleich zwei Höhenrettungsgruppen (Reutlingen hat auch eine) ist der Landkreis Reutlingen vergleichsweise gut ausgestattet: In ganz Baden-Württemberg gibt es nämlich bislang nur 20.

72 Übungsstunden und eine Abschlussprüfung muss ein ausgebildeter Feuerwehrmann absolvieren, damit er sich Höhenretter nennen darf. Wir besuchen die Pfullinger Truppe, als sie an besagtem Kran im Industriegebiet Mark West übt. Einen verunglückten Kranfahrer gilt es heute zum Glück nicht zu retten. Trotzdem ist Konzentration angesagt. Timo Gaiser (21), Max Hecht (18) und Pierre Freundt (36) sind Höhenrettungs-Anwärter. Sie haben schon viele Praxisstunden hinter sich, fleißig Physik und Mathe gepaukt, alles, was man eben braucht, um eine sichere Seilkonstruktion zu berechnen und zu legen. Gemeinsam mit ihren Ausbildern Bastian Maier (35), Christian Federschmid (27) und Achim Silberbauer (46) gilt es heute, weiter Praxiserfahrung zu sammeln.

Die Höhenretter sind an ihren roten Anzügen und den roten Helmen zu erkennen. Ihre Ausrüstung ist leichter, als die der normalen Feuerwehrmänner. Eigentlich wollten sie heute das Abseilen einer Trage üben. Aber es windet dann doch stärker als gedacht, Böen mit bis zu 50 Stundenkilometern misst Bastian Maier oben auf dem Kran. Also eben „Retten im Hängesitz“. Heißt: Der Retter seilt sich gemeinsam mit dem „Opfer“ ab. Er ist in dieser Formation immer oben, der zu Rettende hängt zwischen seinen Beinen. Nur wenn der Retter oben ist, kann er die Kontrolle über das Menschen-Päckchen behalten, das abgeseilt wird. Er muss verhindern, dass eine Pendelbewegung anfängt und dass er gemeinsam mit dem „Opfer“ gegen Kran oder Hauswand kracht. Außerdem muss er darauf achten, dass die Geschwindigkeit kontrolliert ist. „Zwei bis vier Minuten“ seien optimal für eine solche Höhe, sagt Ausbilder Achim Silberbauer.

Der Knackpunkt, die kniffligste Situation, ist das sogenannte „Aussteigen“. Der Höhenretter steigt über die Brüstung des Kranauslegers und lehnt sich rückwärts über den Abgrund. Mit Füßen und Händen hält er sich noch am Kran fest. „Und jetzt kommst du“, sagt Ausbilder Bastian Maier. Der Stadtplaner ist seit 18 Jahren bei der Feuerwehr und seit acht Jahren Höhenretter: Er kann das Risiko also genau abschätzen, wenn er mich nun in die Tiefe abseilen lässt. Trotzdem: Der Blick nach unten lässt selbst Menschen schaudern, die definitiv nicht unter Höhenangst leiden.

Ich steige langsam über die Brüstung. Mein Retter ist der 21-jährige Zimmermann Timo Gaiser. Ausbilder Maier wirft einen letzten, gründlichen Blick auf die Seilkonstruktion: „An diesem Punkt muss man immer schauen, dass sich keine Knoten gebildet haben.“ Die Höhenretter sind immer mindestens zu Fünft im Einsatz: zwei Retter, zwei Sicherer an den Seilen und ein Einsatzleiter. „Es gilt mindestens das Vier-Augen-Prinzip.“

Klingt einleuchtend und sollte eigentlich beruhigend wirken. Der Schritt, die Brüstung endgültig loszulassen, kostet trotzdem eine riesige Überwindung. Ausbilder Maier lacht: „Ja, das ist gewissermaßen eine Glaubensfrage dann.“ Ich glaube an die Höhenretter – und lasse los. Mein Retter nutzt nun seine Füße, um uns Stück für Stück am Kran entlang in Richtung Boden zu bewegen. Ich bin ein unberechenbarer Patient, da Gaiser nicht weiß, wie ich auf das Abseilen reagiere. Eigentlich die beste Übung: Denn im Ernstfall hat es der 21-Jährige schließlich ebenfalls mit einer verängstigten Person zu tun und nicht mit einem furchtlosen Feuerwehr-Kameraden.

Alles läuft reibungslos. Gaiser strahlt eine Gelassenheit aus, die sich auf mich überträgt. Dann funkt er kurz mit den Kollegen oben auf dem Kran: „Geht auch noch ein bisschen schneller.“ Unten sichert uns ein weiterer Kollege: Er verhindert, dass wir wild hin und her pendeln. „Hektik ist für uns Höhenretter fatal“, sagt Ausbilder Bastian Maier. „Wenn wir hektisch sind, überträgt sich das auf den zu Rettenden.“ Man darf kein Einzelgänger sein und schon gar kein Draufgänger, sagt er: Vielmehr muss man das „kontrollierte Risiko“ mögen.

Die Pfullinger Höhenretter sind auch im Einsatz, wenn es gilt, Menschen zu retten, die am Albtrauf in Not geraten sind. Oder wenn nach einem Unwetter Dächer gesichert werden müssen – beispielsweise nach dem großen Hagelsturm 2013. Manchmal gilt es auch, stark übergewichtige Menschen aus ihren Häusern (beziehungsweise den Fenstern) zu retten, weil sie alleine nicht mehr durch die Türe kommen. Kurz nachdem ich sicher am Boden angekommen bin, rauscht das Funkgerät von Christian Federschmid, dem Sicherer am Boden: „Ich hab einen Blitz gesehen, wir brechen ab“, gibt Bastian Maier von der Kranspitze durch. Ruckzuck sind die restlichen Höhenretter und das gesamte Equipment wieder am Boden. „Gewitter ist für uns der schlechteste Fall“, sagt Maier. Dann fängt auch schon der Platzregen an. „Denn wenn wir da oben stehen, sind wir ein freies Ziel für den Blitz.“

Info „Mittendrin“ heißt die Artikelserie, in der wir in lockerer Reihenfolge in fremde Welten eintauchen.