Reutlingen Zwischen den Kulturen

"Weltensammler": Navid Kermani liest zum Auftakt der Reihe "Literatur im Gespräch". Foto: Jürgen Spiess
"Weltensammler": Navid Kermani liest zum Auftakt der Reihe "Literatur im Gespräch". Foto: Jürgen Spiess
Reutlingen / JÜRGEN SPIESS 13.03.2014
In seinem Buch kombiniert er Poesie, Erfahrung und Situationskomik: In der Reihe "Literatur im Gespräch" stellte der Orientalist Navid Kermani seinen neuen Roman "Große Liebe" in der Stadtbibliothek vor.

Was könnten Besucher über Poesie, Erfahrung und Situationskomik einer Lesung sagen: "Danke für die gute Unterhaltung" etwa. Oder: "Ihre Figuren sind mir richtig ans Herz gewachsen". Oder: "Bitte schreiben Sie eine Fortsetzung!" Das gilt alles auch für den 1967 in Siegen geborenen Navid Kermani. Aber was man nur ihm, ganz exklusiv, sagen kann: "Es gibt wenige Autoren, die zwei völlig verschiedene Kultur- und Erlebniswelten derart einleuchtend miteinander verweben können."

Das liegt selbstverständlich mit daran, dass Navid Kermani mit einem doppelten kulturellen und religiösen Hintergrund aufgewachsen ist: Geboren wurde der Kleist-Preis-Träger von 2012 als Sohn iranischer Eltern in Deutschland.

Er studierte Orientalistik, Philosophie und Theaterwissenschaften in Köln und Kairo, arbeitete als Theaterdramaturg, Regisseur und Kurator und kann auf ein vielfältiges, interkulturelles Engagement zurückblicken: etwa als Gründer und Leiter des Sprach- und Kulturzentrums im iranischen Isfahan, als Mitarbeiter für das Wissenschaftskolleg Berlin, für die Jüdisch-Islamische Akademie, das Kulturwissenschaftliche Institut Essen und als Gastprofessor für Ideengeschichte des Islam an der Goethe-Universität in Frankfurt. Heute lebt er als freier Schriftsteller und Regisseur in Köln.

Sein neuer und 16. Roman "Große Liebe" erzählt die Liebesgeschichte eines 15-jährigen Jungen zu einer 19-jährigen Mitschülerin vor dem Hintergrund der westdeutschen Friedensmärsche Anfang der 1980er Jahre. Diese erste Liebe dauert nur eine Woche und durchlebt so gut wie alle Extreme - vom ersten Kuss über erste sexuelle Erfahrungen bis hin zur endgültigen Abweisung. Eigentlich eine Erfahrung, die nicht außergewöhnlich ist für einen Jugendlichen - selbst wenn die Angebetete vier Jahre älter ist und als schönstes Mädchen der ganzen Schule gilt. "Das erste Mal hat er mit 15 geliebt und seither nie wieder so groß", beginnt Kermani seine Erzählung - und tatsächlich beginnt für den schüchternen Gymnasiasten mit dieser "profanen Schulhofliebe" eine neue Zeitrechnung.

Besonders ist vor allem die Art der Schilderung, mit welchem Gefühlsreichtum der Autor eine Brücke schlägt "zwischen irdischen und göttlichen Seelenlandschaften", zwischen verschiedenen Kulturen sowie zwischen deutscher Friedensbewegtheit und arabisch-persischer Liebesmystik. Zudem kann man wunderbar in Erinnerungen schwelgen, die so ähnlich den eigenen entsprechen könnten - vorausgesetzt, man ist irgendwann in den 50er und 60er Jahren zur Welt gekommen. Die Utopie der ersten Liebe und das "Einswerden in der Sexualität" sind länder- und generationsübergreifend allgemeingültig, nicht aber Kermanis Blick auf diese sehr weltliche Liebesgeschichte. Denn er findet Bilder, die die göttliche und menschliche Liebe anschaulich werden lassen, indem er auf religiöse Erfahrungen aus der arabisch-mystischen Literatur zurückgreift.

"Im Augenblick der Liebesekstase atmet Gott durch die Menschen hindurch", liest Kermani mit leisen Worten aus seinem Buch. Dabei blickt er mal mitfühlend, mal nostalgisch, mal mit spöttischer Ironie auf diese beiden Liebenden und die anderen Figuren jener Jahre. "Meist stellt man die göttliche Liebe als irdische Beziehung dar", meint Navid Kermani am Ende der Lesung, "ich wollte das Ganze umkehren". Das ist ihm mit feinen Worten gelungen.