Ausstellung Zwischen Bewegung und Stillstand

Dieter Mammel stellt derzeit im Kunstmuseum aus.
Dieter Mammel stellt derzeit im Kunstmuseum aus. © Foto: Jürgen Spieß
Reutlingen / Jürgen Spieß 14.07.2018

Schlafen, Träumen, Sterben: In der Galerie des Kunstmuseums in den Wandel-Hallen ist derzeit die Ausstellung „Tiefer Schlaf“ von Dieter Mammel zu sehen. Der Künstler beschäftigt sich in seinen Zeichnungen, Tuschgemälden und Holzschnitten mit den Phänomenen der Bewegung und des Stillstands.

Plötzlich beginnen Tuschebilder und Holzschnitte zu erzählen. Von der Zerrissenheit des Menschen zwischen Leben und Tod, von Sehnsucht und Verlust, Begierde und Vergänglichkeit. An der Schnittstelle von gegenständlicher und abstrakter Kunst entwickelt Dieter Mammel malerische Kompositionen, die zugleich vertraute und fremdartige, widersprüchliche Erfahrungen vermitteln. Wie hinter einem Schleier treten Figuren und amorphe, ineinander verflochtene Gebilde ohne klare Konturen und doch sehr sinnlich präsent in Erscheinung. Dabei befinden sich die Protagonisten des 1965 in Reutlingen geborenen Holzschneiders, der sich seit seiner Jugend HAP Grieshaber verbunden fühlt, in einem „offenen Zwischenzustand des Innehaltens, der als Ausruhen, als Schlaf oder auch als Tod angesehen werden kann“, so Kunstmuseumsleiter Herbert Eichhorn, der das Ausstellungsprojekt mit seinem Kollegen Dr. Ralf Gottschlich realisiert hat.

Der tiefe Schlaf ist das Leitmotiv der Ausstellung, die der in Berlin und Frankfurt lebende Künstler durch Zeichnungen, Holzschnitte und einen auf der Schwäbischen Alb entstandenen surrealistischen Heimatfilm zum Thema gemacht hat. Da sind die fließenden Tuschemalereien, die erst in den letzten Monaten entstanden sind. Da ist ein großformatiger Holzschnitt aus der Serie „family works“ (2000–2002), auf dem Mammels Onkel bei der Taufe nicht ihn, sondern eine riesige Amöbe zärtlich im Arm hält. Viele seiner aktuellen Werke beschäftigen sich mit Szenarien, die am oder im Wasser situiert sind. Das korrespondiert auch mit seiner Malweise, denn Mammel malt mit wässriger Tusche oder Acrylfarbe auf eine nasse, am Boden liegende Leinwand. Dem Künstler geht es darum, „unser kleines Ich zu überwinden“, so Ralf Gottschlich und während seine Arbeiten von der Ferne eindeutig wirken, lösen sie sich beim Herantreten zunehmend auf. Die  Menschen wirken oft allein,  melancholisch, bei manchen ist das Leben gänzlich aus ihren Gesichtern gewichen. Dazu Mammel: „Ich sehe den Tod nicht als etwas Negatives, sondern als etwas Befreiendes“. Alle seine scheinbar in Träumen versunkene Figuren befinden sich in einer Art Schwebezustand, das gilt sowohl für den schlafenden Amor in Gelb, das im Sarg liegende Schneewittchen, die im Bett liegenden Liebenden und ganz besonders für seine Holzschnitt-Installation „Der fliegende Hodler“, ein durch ein Gazetuch verdoppeltes Motiv, auf dem ein in einen Strudel stürzender Holzfäller zu erkennen ist.

Den Bezug zur Heimat stellt der Künstler durch eine Video­arbeit her, die mittels gegenseitiger Überblendungen auf zwei alten Bildschirmen aus dem Jahr 1959 „stillgelegte Momentaufnahmen  und Verzeichnisse der Vergänglichkeit zeigt“. Gedreht wurde das Video auf der Schwäbischen Alb. Vibrierende Bilder erwecken den Eindruck, als ließen sich Zeit und Erleben wie bei einer Rewind-Taste beliebig hin- und wieder zurückspielen. Die auf den beiden Monitoren leicht verschobenen simultanen Bilder sorgen für beständige Perspektivwechsel ein und desselben Geschehens, die in rasanten Shots filmisch eingefangen sind.

Wie in allen seinen Arbeiten greifen auch hier Elemente des Unmittelbaren und Ungreifbaren ineinander. Und genau in dieser Balance zwischen Traum und Wirklichkeit, Sehnsucht und Fantasie entfalten Dieter Mammels Tuschgemälde und die Holzschnitte ihre eindringliche Wirkung.

 Info Die Ausstellung „Tiefer Schlaf“ von Dieter Mammel ist bis 4. November in der Galerie des Kunstmuseums zu sehen. Öffnungszeiten: Dienstag bis Samstag 11 bis 17 Uhr, Donnerstag 11 bis 19 Uhr, Sonntag/Feiertag 11 bis18 Uhr, Montag geschlossen.

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