Lichtenstein Zwei Riegel sollen’s richten

Das Reißenbachtal: Vom Flüssle dort geht eine immense Hochwassergefahr aus. Womöglich muss ein Damm her (oben rechts).
Das Reißenbachtal: Vom Flüssle dort geht eine immense Hochwassergefahr aus. Womöglich muss ein Damm her (oben rechts). © Foto: Herdin
Lichtenstein / JÜRGEN HERDIN 23.07.2016
Hochwasserfluten kommen immer häufiger, da ist eine gute Vorsorge wichtig. Das Planungsbüro Fritz berichtet dem Rat, wo die Schwachstellen liegen.

Ein massiver Regenrückhalt müsse her, im Reißenbachtal und im Zellertal, so die Kernaussage des Experten. „Wenn’s gut werden muss...“. Dieser Slogan eines Baumarkts scheint das Credo von Martin Seckel-Schmidt zu sein.

Der Ingenieur arbeitet seit bald drei Jahrzehnten beim Planungsbüro Fritz GmbH in Bad Urach. Das wurde von der Gemeinde beauftragt, in Sachen Hochwasserschutz eine „hydraulische Berechnung“ zu erarbeiten. Die liegt nun vor, nachdem zuvor bei Fritz 180 Arbeitsstunden angefallen waren und dessen Computer heiß gelaufen waren, um für das  Hochwasserschutzkonzept eine Karte mit all den möglichen „Abflussberechnungen“ zu modellieren.

Klotzen statt Kleckern: Nun weiß man, wo überall Gefahren lauern, falls der Himmel über Gebühr seine Schleusen öffnet. Für Seckel-Schmidt und sein Team sind die wichtigsten Brennpunkte das Reißenbachtal im Südwesten Unterhausens – sowie das Gelände, wo sich der Zellertalbach mit dem Holzlfinger Talbach vereinigt. Dort kam es in den 90er-Jahren – und zuletzt im Juni 2013 – zu gewaltigen Wasseransammlungen, die zu hohen Sachschäden im Gewerbegebiet Stetten im Norden Unterhausens führten.

Schon vor der nun fertigen Simulation steht nun leider fest: Alle 100 Jahre kommt bald alle drei Jahre – mit dem „klassischen“ Hochwasser oder mit so genannten Starkregen-Ereignissen. Doch zahlreiche Gewässer, Bäche und Rinnsale in den gefährdeten Kommunen im Land sind  in der Hochwassergefahrenkarten des Landes (HWGK) noch überhaupt nicht als potenzielle Auslöser von Fluten eingetragen.

Das Reißenbachtal beispielsweise ist eine weiße Fläche. „Blau“, der Hinweis auf Gefahren durch ein „HQ 50“-Hochwasser, das eigentlich nur alle 50 Jahre kommen sollte, findet sich nur an der Echaz.

Die Beteiligung der Kommunen zur Fortschreibung der Karten ist zwar positiv, allein: Die Karten werden nur alle fünf Jahre neu gemacht. Wie Lichtensteins Ortsbaumeisterin Heike Rueß in der Gemeinderatssitzung am Donnerstag mitteilte, würden Änderungen sehr wohl zeitnah an die zuständigen Behörde gemeldet. Aber dennoch werde es weiter „Unschärfen“ zwischen dem Material des Landes und den aktuellen hydraulischen Berechnungen von Fachplanern geben, so Seckel-Schmidt.

Er hat die Gemeinde seit Anfang 2015 auch auf Schusters Rappen erkundet. Im November waren 4,2 Kilometer entlang riskanter Rinnsale vermessen. Gecheckt wurden der Reißenbach, der Langwiesenbach, der Fischbach, der Zellerbach und der Holzelfinger Talbach.

80 Prozent der Kommunen in Baden-Württemberg seien von Hochwasser-Risiko betroffen, stellten die Fachleute des „Risikomanagements Baden-Württemberg“ fest. Hundertproenzentig sicher ist indes, dass die von Seckel-Schmidt wärmstens empfohlenen Hochwasser-Rückhaltebecken, als eine Art Riegel – und nicht zu verwechseln mit einem Regenüberlaufbecken – pro Anlage mindestens 1,2 Millionen Euro kosten werden. Sowohl im Reißenbachtal wie auch im Zellertal würden die Anlagen zwischen 30?000 und 50? 000 Kubikmeter Raum erfordern. Werden die Maßnahmen gut begründet, sind bis zu 70 Prozent Zuschuss vom Land drin.

Schmidt-Seckel riet, in einem zweiten Schritt Brücken und Durchlässe anzugehen. Auch Wasserkraftanlagen an der Echaz müssten optimiert werden. Außerdem müssten bestehende Dämme teilweise weichen. Vom „Ausbaggern“ von Flussbetten riet der Planer jedoch ab. Denn das ist in den meisten Fällen strafbar, weil ein gefährlicher Eingriff in die Ökologie eines Gewässers.

 Allerdings weiß das Planungsbüro Fritz aus eigener Erfahrung, dass es im Vorfeld solcher Großprojekte naturgemäß zu Konflikten mit Grundstücksbesitzern und Naturschützern kommen werde. Was einen Bau bis zu sieben Jahre verzögern könnte.

Nach detailreichen 90 Minuten Vortrag dankte das Gremium für die neu gewonnen Erkenntnisse – und Alfons Reiske (SPD) merkte an: „Darüber denken wir seit 30 Jahren nach“. Marco Gass (CDU) riet, die Kosten bei den Etaberatungen für 2017 zu berücksichtigen. Susanne Kromer (Grüne) fragte nach kleingliedrigeren Lösungen. Seckel-Schmidt verneinte: Die Verteilung auf mehrere Dämme sei ineffektiv und teurer.“