Der psychische Druck war zu viel für die Angeklagte. Mit einer Spritze Insulin hat die 40-Jährige laut Anklage versucht, ihren Mann umzubringen. Er wollte an dem Abend im Februar 2019 die Trennung, sie aus der Wohnung werfen, ihr die Kinder wegnehmen. „Da hat es bei mir einen Schalter umgelegt“, sagte die Frau, die bis zur Festnahme als Polizistin arbeitete, vor dem Landgericht aus. Während der Aussage wirkte sie unbeteiligt, als rede sie über die Taten und das Leben einer anderen Person. Es entstanden immer wieder lange Pausen zwischen den Fragen und Antworten. Dem Vorsitzenden Richter Dr. Ulrich Polachowski fiel es schwer herauszuarbeiten, aus welchem triftigen Grund die Frau versucht hat, ihren Mann zu töten.

Mit einer Kollegin, wie die Hauptangeklagte und das Opfer Kripobeamte des Reutlinger Polizeipräsidiums, ist sie wegen gemeinschaftlich versuchten Mordes und gefährlicher Körperverletzung angeklagt. So spontan, wie sich die Tat vor Gericht anhört, scheint sie laut Anklage nicht gewesen zu sein. Schon im November 2018 hatte sie mit ihrer Kollegin über das Insulin gesprochen. Per Nachrichtendienst (What’s App) unterhielten sie sich über den Mord am Ehemann. Im Januar schrieb die Ehefrau: „Er muss von dieser Welt verschwinden.“ Die Kollegin antwortete: „Dann bringen wir ihn doch um?“ Ende Januar schickte ihr die Kollegin, die Diabetikerin ist, das Insulin über den Postweg der Dienststellen zu.

Sie gab ihrem Mann Beruhigungs- und Schmerzmittel

Zwei Wochen später gab die Frau ihrem Mann Beruhigungs- und Schmerzmittel erst mit Orangen-, dann mit warmen Grapefruitsaft, um den bitteren Geschmack zu verschleiern. Ihrem Mann ging es damals nicht gut, er vermutete eine Erkältung. Sie behauptete, die Vitaminsäfte würden helfen. Einen Tag später spritzte sie ihm am späten Abend angeblich vom Arzt verordnete Vitamine. Tatsächlich war es Insulin. Er habe Krämpfe und Schmerzen gehabt, so die Anklage.

Als er am nächsten Morgen noch lebte, soll sie versucht haben, ihn mit einer Plastikfolie zu ersticken. Von qualvollen Schreien seien die Kinder aufgewacht. Diese drängten ihre Mutter, den Notarzt zu rufen. Zunächst vergeblich. Irgendwann wählte der Sohn die Notrufnummer und gab das Handy der Mutter. Sie habe keinen Grund gesehen, den Notarzt zu rufen, sagte die Angeklagte vor Gericht. Er habe normal gewirkt.Polachowski hielt ihr aus den Akten entgegen, dass die Rettungskräfte auf einen Mann gestoßen seien, der nicht mehr ansprechbar war.

Tochter hatte ein „komisches Gefühl“

Auch die Tochter schilderte die Situation vor Gericht ernster. Sie sei ihm nicht von der Seite gewichen, aus Angst, ihm würde etwas passieren. „Ich hatte ein komisches Gefühl“, sagte sie in der Befragung per Videoübertragung aus dem Zeugenzimmer. Auch das Telefonat mit einer Ärztin habe sie nicht beruhigt, weshalb sie sich später deren Nummer abspeicherte. Es war die der Kollegin ihrer Mutter. Über die Rolle der mitangeklagten Kollegin bei dem Verbrechen schwieg sie. Die laut Akten 42-Jährige sah mitgenommen aus und machte weder zur Person noch zur Tat Angaben. Immer wieder hatte sie während der Verhandlung mit den Tränen zu kämpfen.

Sie habe das Insulin eigentlich für sich gewollt, sagte die 40-jährige Angeklagte vor Gericht. Als ihr Ehemann am Tatabend drohte, habe sie das Insulin stattdessen ihm gespritzt. Damit deutete sie an, dass die Tötung nicht geplant war. „Die Nachrichten im Chat klingen sehr konkret“, erwiderte  Polachowski.

Beleidigungen und Beschimpfungen

Ihren Mann hatte sie während ihrer Ausbildung zur Polizeibeamtin kennengelernt. Fünf Jahre später heirateten sie. Die Beziehung sei geprägt gewesen von Beleidigungen und Beschimpfungen. Nichts habe sie ihm recht machen können. Sehr oft habe er gedroht, ihr die Kinder wegzunehmen. „Ich habe die Belastung nicht mehr ausgehalten“, sagt sie. Arbeit, Haushalt und Familienleben habe sie nicht mehr stemmen können, in der Überforderung Rechnungen versteckt und Alkohol getrunken, was zu Streit führte. Sie war in vorhergehenden Jahren wegen psychischen Problemen und Alkoholabhängigkeit in Behandlung.

Ehemann bezeichnet Frau als notorische Lügnerin

Da der Ehemann sein Zeugnisverweigerungsrecht nutzte, schilderte der Reutlinger Amtsrichter Eberhard Hausch dessen streng chronologische und präzise Aussage bei der richterlichen Vernehmung. Das kam Hausch zunächst merkwürdig vor. Im Laufe des Gesprächs habe er sich das mit dessen Beruf als Polizist erklärt. Am Ende der Vernehmung sei die professionelle Fassade gefallen und der Ehemann emotional zusammengebrochen. Bis dahin habe der Ehemann erzählt, dass es eine typische Ehe mit Höhen und Tiefen gewesen und seine Frau eine notorische Lügnerin sei.

Kurz vor der Tat habe sie ihn über die Arbeit der Mordkommission ausgefragt. Dann begannen seine Beschwerden. Den Orangensaft, beziehungsweise die Orangenschalen habe er aufbewahrt, weil der Saft so bitter gewesen sei.  Er könne sich auch an die Spritze erinnern, die er erst nicht wollte. Er traute ihr zunächst nicht zu, diese richtig zu benutzen. Später willigte er ein. Danach wisse er nur noch, dass ihm Plastik ins Gesicht gedrückt wurde, er Todesangst hatte und später, dass die Rettungskräfte froh waren, dass sie ihn am Leben halten konnten. Die Verhandlung wird am Montag, 11. November, fortgesetzt.

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