Pfullingen Zwei Mundvoll Schweigen

Diskussion mit neuen Zeitzeugen über ein umstrittenes Werk: Dr. Barbara Wiedemann liest zu Paul Celan in "Literatur und Limo".
Diskussion mit neuen Zeitzeugen über ein umstrittenes Werk: Dr. Barbara Wiedemann liest zu Paul Celan in "Literatur und Limo". © Foto: Angela Steidle
Pfullingen / ANGELA STEIDLE 05.08.2014
Der "Elfenbeinturm-Dichter" Paul Celan: sein zehrender Schmerz und ein junges Deutschland, das den Juden verriet. "Literatur und Limo" der Extraklasse, angerichtet von Neske-Bibliothek und VHS.

. "Celan war da!" notiert die Pfullinger Verlegerin Brigitte Neske am 17. November 1964 in ihren Aufzeichnungen, "seine Stimme ist unverändert, beschwörend und sanft. Man kennt diese Magie. Es ist ein außergewöhnlich starkes Wesen, ausgeglüht vom Schmerz. Er weiß um die Fragwürdigkeit von Schuld. Celan will gerecht sein, sieht zu viel. Er ist der ewige Jude, der Verfolgte, der hier anklagt. Sein Schicksal steht wie ein großer Schatten hinter ihm".

Was es für Paul Celan bedeutet haben muss, "als Dichter an der zur Sprache der Täter gewordenen Muttersprache festzuhalten", bedarf eines besonderen Blickwinkels: "Sein Weg ins junge Nachkriegsdeutschland muss vor der Entwicklung der Gesellschaft betrachtet werden", das stand für die Tübinger Literaturwissenschaftlerin Dr. Barbara Wiedemann außer Frage. 1952 kam der Dichter als Staatenloser zur ersten Lesung, 1967 unter dem Eindruck der Studentenunruhen, 1968 nach der Ermordung Rudi Dutschkes, 1969/70 nahmen die antisemitischen Anschläge auf jüdische Ein-richtungen zu. Paul Celan, dessen gesamte Familie 1942 im nordrumänischen Getto von den Nazis ermordet worden war, floh 1948 selbst nach Zwangsarbeit und Arbeitslager nach Paris.

Immer wieder besuchte der Lyriker, der zeitlebens ausschließlich deutsche Literaturpreise bekam, auch das Verleger-Ehepaar Brigitte und Günther Neske, las auf Einladung der Buchhandlung Gastl und des AstA in Tübingen und wurde dabei für seine Überempfindlichkeit kritisiert: "In der Krone war nach einer beeindruckenden Lesung die Stimmung so bedrückt", erinnert sich Susanne Richwien an den Auftritt des Dichters. Sie war 1968 am Neckar Studentin der Kunstgeschichte und erzählte frei weg als Gast bei "Literatur und Limo". "Wir erschauerten grauenvoll. Er saß nur da und war beleidigt. Warum ging er nicht auf uns ein?" Hatte er das "Honorar-Geschachere" als Angriff auf seine jüdische Herkunft missverstanden? "Nein", korrigierte Gastl-Buchhändler Michael Fischmann bei der Lesung im Pfullinger Kloster, "die Lokalzeitung hat seinen Auftritt damals nicht boykottiert. Redakteur Utz Jäckle war Celan gegenüber etwas burschikos. Ich riet ihm, es bleiben zu lassen". Vom Pfullinger "Sprechgitter" zum gleichnamigen Gedichtband inspiriert, setzte Celan die Barriere zwischen drinnen und draußen mit der unüberbrückbaren Distanz zwischen Juden und Deutschen gleich: "Zwei Mundvoll Schweigen".

"Ein Faible für Tübingen - Paul Celan in Württemberg / Deutschland und Paul Celan": Eine Biografie ist das jüngste Buch der Tübinger Celan-Forscherin Barbara Wiedemann nicht geworden. Aber eine sehr akribisch aufgearbeitete Collage aus Fragmenten, die Celans "schwieriges Werk" in sein Umfeld integriert. "Seine hermetisch missverstandenen Gedichte, das diskrete Totschweigen und das Wispern in den Hörsälen muss Celan als demütigend wahrgenommen haben", kommentiert Felicitas Vogel, Kuratorin der Pfullinger Neske-Bibliothek. Dazu kamen die schweren Plagiatsvorwürfe von Claire Goll, für deren Mann Celan Gedichte vom Französischen ins Deutsche übersetzt hatte. Und die Angriffe der Neorealisten, die sich in der Gruppe 47 organisiert hatten: "Ein Singsang wie in der Synagoge...!" Der Dichter stand in der jüdisch-rumänischen Tradition der Rezitation in rhythmisch hohem Ton. Barbara Wiedemann hat spontan das Bild ihres Oberstufen-Lehrers vor Augen, der das Klett-Lesebuch aufschlug, die berühmte "Todesfuge" vorlas und dann meinte: "Das kann man doch nicht verstehen". Auch er war ein Kriegsheimkehrer.

Paul Celan war mehrmals in psychiatrischer Behandlung. Der Leichnam des Dichters wurde am 1. Mai 1970 aus der Seine geborgen. Er hatte den Freitod gewählt. Barbara Wiedemanns Studie zu Paul Celans Verhältnis zu Deutschland ist im Verlag Klöpfer und Meyer erschienen. Original-Tonaufnahmen Celans gibt es in der Pfullinger Neske-Bibliothek.

Die Celan-Forscherin

Dr. Barbara Wiedemann: 1953 in Augsburg geboren, studierte Germanistik und Romanistik in Tübingen und schrieb ihre Promotion über das Frühwerk von Paul Celan. Sie ist heute Lehrbeauftragte an der Universität Tübingen im Bereich Neuere Deutsche Literaturwissenschaft und Internationale Literaturen sowie (Mit-)Herausgeberin zahlreicher Editionen aus dem Nachlass von Paul Celan im Auftrag der Erben.

SWP

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