Reutlingen Zusammen weniger allein

Landrat Thomas Reumann gratuliert beim Festakt im Spitalhofsaal den Vertreterinnen und Vertretern der Selbsthilfegruppen zum 20. Jahrestag des Selbsthilfeforums.
Landrat Thomas Reumann gratuliert beim Festakt im Spitalhofsaal den Vertreterinnen und Vertretern der Selbsthilfegruppen zum 20. Jahrestag des Selbsthilfeforums. © Foto: Thomas Kiehl
Von Peter U. Bussmann 10.11.2017

Bis 1997 „hat im Landkreis jede Selbsthilfegruppe alleine vor sich hingewerkelt“, erinnerte gestern Maria Luik vom Freundeskreis für Suchtkrankenhilfe Reutlingen-Hohbuch die Gäste beim Festakt im Spitalhofsaal an Vergangenes. Doch mit der „einfach genialen Idee“ des damaligen und auch noch heutigen Geschäftsführers des Paritätischen Wohlfahrtsverbands, Achim Scherzinger, alle Gruppen an einen Tisch zu bekommen, so Edith Neubert von der Selbsthilfegruppe Aphasie und Schlaganfall Metzingen, brach eine grundlegend neue Phase der Selbsthilfearbeit an.

18 Vertreter aus 14 verschiedenen gesundheitsbezogenen Gruppen folgten damals der Einladung und trafen sich in der Ausstellungswoche „Selbsthilfe und soziales Engagement“ am 13. November 1997 in der Kreissparkasse zum ersten Forumsgespräch. Schnell kamen sie überein, dass verstärkte Zusammenarbeit allen Vorteile brächte. Weitere Treffen wurden vereinbart, ein Vorbereitungskreis eingerichtet – das Selbsthilfeforum im Kreis Reutlingen war, nach dem Vorbild des Sozialforums im Kreis Tübingen, das bereits fünf Jahre als Institution bestand, ins Leben gerufen.

Mittlerweile arbeiten rund 80 ehrenamtliche Gruppen in Stadt und Kreis im Forum mit. Sie nehmen wichtige Aufgaben bei der Bewältigung von Krankheit, bei der Verbesserung belastender Lebenssituationen und der Suche nach neuer Lebensorientierung wahr und sind „aus den heutigen sozialen Unterstützungsnetzen nicht mehr wegzudenken“, sagt Landrat Thomas Reumann auch als Vorsitzender der kommunalen Gesundheitskonferenz einer der Redner beim Festakt.

Die Arbeit der Selbsthilfegruppen wird, so Reumann, gerade im Gesundheitsbereich immer wichtiger. Sie helfen den Betroffenen, ihre Lebensqualität zu verbessern, mehr Informationen über ihre Krankheit und Lebenssituation zu erhalten und nicht in der Isolation zu versinken. Damit sind diese Gruppen wesentlicher Teil des sozialen Miteinander.

Weil der Austausch eigener Erfahrungen im Umgang mit Krankheit und Behinderung nicht von Ärzten und Helfenden ersetzt werden kann, sei gelungene Selbsthilfe deshalb auch eine wichtige Form der Gesundheitsförderung.

„Offenheit, Toleranz und Vielfalt – von diesen Prinzipien angetrieben leisten Sie einen wertvollen Beitrag für unsere Bürgergesellschaft und die Lebensqualität im Landkreis“, dankte Reumann den Aktiven dafür. Sein Fazit für die 20 Jahre: „Wertvoll, engagiert, unverzichtbar!“

Einer der wichtigsten Partner des Selbsthilfeforums ist die AOK, die sich von Beginn an  dem Forum angeschlossen hat, im Steuerungskreis aktiv ist und die, neben Achim Scherzinger, zweite hauptamtliche Stelle finanziert. Sigrun Schröder ist hier bei der Kontakt- und Informationsstelle für gesundheitsbezogene Selbsthilfe der AOK Neckar-Alb (KIGS) hier Ansprechpartnerin.

AOK-Regional-Geschäftsführer Klaus Knoll attestierte den Selbsthilfegruppen: „Sie ergänzen das Gesundheitssystem mit seinen drei Säulen der ambulanten, rehabilitativen und stationären Versorgung um eine wichtige vierte Säule – sie bieten vor, während und nach einzelnen Versorgungselementen unseres Gesundheitssystems eine wichtige zwischenmenschliche Hilfe und wertvolle alltagspraktische Unterstützung an.“ Die gesellschaftliche Wertschöpfung der Arbeit der Selbsthilfegruppen wird bundesweit auf über vier Milliarden Euro geschätzt, „wahrlich ein gigantischer Beitrag“, sagte Knoll.

Und er erinnerte an ein wegweisendes Projekt: Die Gesundheitsreform 2000 hatte die Kassen verpflichtet, Selbsthilfegruppen mit einer Mark pro Versichertem zu unterstützen. Das Forum initiierte damals den Austausch zwischen Kassenvertretern und Selbsthilfegruppen. Ergebnis war die landesweit einzigartige Reutlinger Poolfinanzierung. Alle teilnehmenden Kassen zahlten anteilig in diesen Pool ein, aus dem Selbsthilfegruppen dann Förderzuschüsse für die laufenden Kosten beantragen konnten. Ein gemeinsamer Ausschuss vergab die Mittel. Mit Blick auf die heute bundesweite Pauschalförderung „können wir in Reutlingen mit Stolz feststellen, dass wir durch die Initiative des Selbsthilfeforums und die Kooperationsbereitschaft der Krankenkassen ein Vorgängermodell geschaffen haben, lange bevor es hierfür eine rechtlich verpflichtende Grundlage gegeben hat“, lobte Knoll.

„Zusammen ist man weniger allein“, zitierte Knoll einen Filmtitel: Die Selbsthilfegruppen „eröffnen Betroffenen die Möglichkeit, mit ihrer Lebenssituation nicht allein zu bleiben, die Isolation zu überwinden, sich mit anderen auszutauschen und sich mit der Erkrankung offen auseinanderzusetzen. sie bieten geschützten Raum für viele alltägliche Fragen, für Tränen und für gemeinsames Lachen. Sie machen Mut zu lernen, im Alltag mit den Einschränkungen umzugehen und neue Lebensfreude zu gewinnen!“

Auch Gabriele Janz, Kreisvorsitzende des „Paritätischen“, sieht in der Gruppe die Betroffenen „gemeinsam statt einsam“ leichter ihr Schicksal anzunehmen, es brauche aber auch „Mut, sich in seinem Leid zu zeigen“.

Dem Rück- und Ausblick widmeten sich beim von Werner Müller (SHG Schnarchen-Schlafapnoe) moderierten Festakt die Achim Scherzinger von der Selbsthilfeunterstützungsstelle des „Paritätischen“ und Sigrun Schröder. Sie berichteten von der Erstauflage des Selbsthilfeführers 1999, von der seit Mai 2008 betriebenen Homepage www.selbsthilfe-reutlingen.de, vom 1. Reutlinger Selbsthilfetag am 10. März 2011, an dem „alle ins Boot genommen wurden“, vom „Herzstück der Arbeit“, dem Jahrestreffen, von der wachsenden Vernetzung und vom neuen Logo.