„Das Leben ist immer lebensgefährlich“, zitierte Heiko Kächele am vergangenen Donnerstagabend Erich Kästner in der Sitzung des Finanz- und Wirtschaftsausschusses der Stadt. Während außerhalb der Stadthalle vor den Lokalen das Leben tobte, präsentierte der Leiter des Polizeireviers Reutlingen im Innern trockene Zahlen. Zahlen, hinter denen sich aber erstaunliche Erkenntnisse versteckten: Etwa die sogenannte Kriminalitätsbelastung, nach der in der Stadt Reutlingen pro 100 000 Einwohner rund 6141 Straftaten begangen werden.

200 weniger Straftaten als im Vorjahr

Im Vergleich mit Esslingen und Tübingen sei diese Ziffer hoch, so Kächele. Würden allerdings andere vergleichbare Großstädte in Baden-Württemberg herangezogen, stehe Reutlingen sehr gut da: Ulm kommt auf eine Zahl von fast 8500, Pforzheim weist mehr als 7300 auf, Heilbronn fast 7000. Damit kann die Achalmstadt schon zum elften Mal in Folge den Titel „sicherste Großstadt im Land“ tragen.

2019 wurden laut der Kriminalitätsstatistik in Reutlingen 7122 Straftaten begangen, das sind über 200 weniger als 2018. Dafür sank die Aufklärungsquote etwas im Vergleich zum Vorjahr auf etwa 60 Prozent. Unter den knapp 3150 ermittelten Tatverdächtigen waren fast 25 Prozent unter 21 Jahre alt, darunter 142 Kinder, und mit jeweils rund 320 Personen fast ebenso viele Jugendliche wie Heranwachsende.

Bad Urach/Seeburg

Sexualdelikte sind im vergangen Jahr zurückgegangen

Zugenommen haben laut Kächele Rohheitsdelikte (vor allem Bedrohung und Nötigung), Gewalt gegen Polizeibeamte, Geldwäsche und Sachbeschädigung an Kraftfahrzeugen. Zurückgegangen sind im Vergleich zum Vorjahr Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung, Körperverletzung, Diebstahl sowie Vermögens- und Fälschungsdelikte. Auffällig sind die Anstiege bei Hausfriedensbruch und Sachbeschädigung an Kraftfahrzeugen. Zugenommen haben auch Vergehen gegen das Betäubungsmittelgesetz.

Anstieg von Fällen häuslicher Gewalt während Corona?

„Wir konnten eine Abnahme bei harten Drogen beobachten, zugenommen haben allerdings Konsum und Handel mit Amphetaminen und Cannabis“, so Heiko Kächele. Zugenommen hat auch die Zahl der Wohnungsverweise wegen häuslicher Gewalt von 60 auf 76. Ob während Corona die Zahl der Gewalttaten in den eigenen vier Wänden zugenommen hat, wollte Njeri Kinyanjui (Grüne) wissen. „Wir haben noch keine Zahlen für das laufende Jahr, aber sehen einen Trend, dass es wohl keine signifikante Erhöhung bei der häuslichen Gewalt gab“, sagte Kächele.

Politisch motivierte Straftaten hauptsächlich von Rechts

Politisch motivierte Straftaten habe es im Jahr 2019 rund 110 gegeben, „darunter waren nur ganz wenige im Linksbereich“, so Heiko Kächele. Und wie sehe es mit Rassismus bei der Polizei aus, wollte Kinyanjui wissen. „Uns als Führung ist es wichtig, dass die Polizei allen Bürgerinnen und Bürgern, egal welcher Herkunft und Hautfarbe, auf Augenhöhe begegnet.“ Ob solche Vorkommnisse wie in Stuttgart vor einer Woche auch in Reutlingen möglich wären, wollte Andreas vom Scheidt (CDU) wissen. „Wir haben natürlich besorgt dorthin geschaut, zwei unserer Polizisten waren ja selbst vor Ort – möge der Liebe Gott verhindern, dass auch bei uns solche Dinge geschehen könnten.“