Reutlingen Zu 80 Prozent trocken

Armin Becker (links) sowie Maria und Karl Luik leiten die beiden Freundeskreise für Suchtkrankenhilfe in Reutlingen – und haben mit der eigenen Suchthilfe einen neuen Lebensinhalt gefunden.
Armin Becker (links) sowie Maria und Karl Luik leiten die beiden Freundeskreise für Suchtkrankenhilfe in Reutlingen – und haben mit der eigenen Suchthilfe einen neuen Lebensinhalt gefunden. © Foto: Norbert Leister
Reutlingen / Norbert Leister 24.08.2018
Freundeskreis-Selbsthilfegruppen in der Innenstadt und im Hohbuch bieten Hilfe nach der Alkoholtherapie an.

Sie sind sich einig, alle drei: „Mit Selbsthilfegruppe ist es deutlich wahrscheinlicher, trocken zu bleiben, als ohne“, betonen Karl Luik, seine Frau Maria und auch Armin Becker. Alle drei wissen das aus eigener Erfahrung. Und sie sprechen offen darüber. „Heute bin ich froh, dass mein Mann gesoffen hat“, sagt Maria Luik etwas flapsig. „Damals aber war es die Hölle.“ Ihr Mann wurde nicht ausfällig oder gewalttätig, wie es bei Alkoholkranken oft der Fall ist. Aber es kam zu ständigem Streit wegen der Trinkerei.

„Wir dachten damals, dass die Kinder nichts mitkriegen“, doch der Sohn wurde in der Schule immer schlechter, die Tochter berichtete viele Jahre später, „wie schlimm es für sie war und sie sich immer unter die Bettdecke verkroch und weinte, wenn wir wieder mal stritten“, hat Maria Luik in ihrer „Lebensbeichte“ niedergeschrieben. Die Situation für die heute 62-Jährige wurde damals immer dramatischer, irgendwann „spielte ich mit dem Gedanken, mich scheiden zu lassen, und insgeheim hoffte ich, dass sich mein Mann zu Tode säuft“. Sie habe nur noch einen Gedanken gehabt: „mit meinen Kindern zu überleben.“

Doch Karl Luik hatte sich 1986 gerade noch rechtzeitig entschieden, zur Entgiftung ins Krankenhaus zu gehen und danach eine Therapie im Allgäu zu machen. Dort kam er zum ersten Mal in Kontakt mit einem „Freundeskreis für Suchtkrankenhilfe“. Dort hatte er sich auf Anhieb wohl gefühlt, zusammen mit seiner Frau suchte er nach Therapieende den „FK“ in Pfullingen auf.

Heute sagen er und Maria Luik, dass das die beste Entscheidung ihres Lebens war. „80 Prozent der Alkoholkranken schaffen es mit der Hilfe von Selbsthilfegruppen, trocken zu bleiben“, erzählt Karl Luik. Ohne diese Hilfe seien es gerade mal 35 Prozent.

Das kann auch Armin Becker, Leiter des Freundeskreises in der Reutlinger Innenstadt, bestätigen: Er selbst hatte nach seiner Abhängigkeit und einer ambulanten Therapie 1995 gedacht, er habe alles im Griff und ging nicht in eine Gruppe. 2007 erfolgte dann der Rückfall, er machte eine stationäre Therapie – und besuchte anschließend jede Woche die Gruppensitzungen des Freundeskreises. Anfang des Jahres übernahm er die Leitung.

Eigene Gruppe gegründet

Das Ehepaar Luik hat nach den Anfängen in Pfullingen an ihrem Wohnort im Hohbuch eine eigene Ortsgruppe gegründet. 25 Jahre ist das her. Durchschnittlich kommen nun jeden Donnerstagabend etwa 15 Personen, in der Innenstadt schwanken die Zahlen laut Becker, aber momentan sind es 24 Personen, die mehr oder weniger regelmäßig kommen.

Warum die Selbsthilfegruppen so erfolgreich sind? „Die Suchtproblematik hat was mit dem Selbstwertgefühl zu tun“, sagt Becker. „In den Freundeskreisen werden die Menschen genommen, wie sie sind – durch die Gemeinschaft entdecken die Leute, dass sie okay sind, so wie sie sind.“ Und Maria Luik ergänzt: „Hier treffen sich lauter Gleichgesinnte, man muss nichts erklären.“ Karl Luik betont, dass das oberste Ziel der Abstinenz auch ein wesentlicher Aspekt sei. Auf die Frage, ob „kontrolliertes Trinken“ nicht auch funktionieren könne, reagieren alle drei allergisch: „Das ist aus meiner Sicht völliger Quatsch“, sagt Karl Luik. Wer alkoholabhängig ist, könne nicht kontrolliert trinken.

Eine Garantie gibt es nicht

Eine Garantie für Abstinenz gebe es aber nicht. „Das hängt immer von jedem und jeder selbst ab“, sagt Karl Luik. „Wir können niemanden trocken legen“, betont seine Frau. Und selbstverständlich gebe es auch immer mal wieder „Misserfolge“, Suchtkranke, die sich trotz Freundeskreis „zu Tode gesoffen haben“. Oder: „Wir hatten auch mal einen Suizid und den ein oder anderen, der rückfällig wurde“. Und Becker sagt, „wir ehren all die, die es geschafft haben, wieder ein Jahr trocken zu bleiben“. Dazu betonen Maria und Karl Luik im Gespräch, dass sie durch die Alkoholabhängigkeit nach der Therapie gewachsen seien. „Wir leben für den Freundeskreis“, sagt sie. Sie leiten nicht nur die Hohbuch-Gruppe seit 25 Jahren – für fünf Jahre hatten sie auch noch die Innenstadt-Gruppe angeführt.

Doch ihr Engagement reicht noch viel weiter: Sie haben die Ausbildungen zu Gruppenleiter und zum ehrenamtlichen Suchtkrankenhelfer absolviert, engagierten sich im Landes- und sogar im FK-Bundesverband.

Und sie gehen in Schulen, betreiben Öffentlichkeitsarbeit in Sachen Aufklärung. Vor kurzem haben sie Becker ins Reutlinger Kepler-Gymnasium begleitet. „Ich hatte das noch nie gemacht, aber es war richtig gut“, sagt Becker im Nachhinein. Nach wie vor sind die Luiks für ihre FK-Freunde da – wenn es sein muss, nicht nur tagsüber, sondern auch nachts. Wenn jemand verzweifelt ist und kurz davor, wieder zur Flasche zu greifen.

„Es ist für mich eine Herzensangelegenheit geworden, für Angehörige und Suchtkranke da zu sein“, sagt Maria Luik. Sie selbst hatte damals, vor mehr als 30 Jahren erkannt, dass sie durch ihr Verhalten, die Sucht ihres Mannes auch unterstützt hatte – ihre eigene Therapie war für die ganze Familie ebenso wichtig wie die Erkenntnis für die Kinder, dass sie auf dieser Welt nicht allein mit dem Problem eines alkoholkranken Vaters leben.

Wöchentliche Treffen der Freundeskreise

Der Freundeskreis Hohbuch trifft sich jede Woche donnerstags um 20 Uhr im Hohbuch-Gemeindezentrum, der Innenstadt-Freundeskreis lädt jeden Dienstag um 20 Uhr in die Erlöserkirche ein.

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