Reutlingen Zeitlebens politisch und sozial engagiert

Marisse Hausser vom Heimatmuseum und Christl Ziegler, Ursula Göggelmann und Elisabeth Grünwald von der Frauengeschichtswerkstatt (von links) vor dem Naturkundemuseums. Das Gebäude fungierte ursprünglich als Altes Lyzeum, die Lateinschule, die nur von Jungs besucht werden durfte. Foto: Eva Kurz
Marisse Hausser vom Heimatmuseum und Christl Ziegler, Ursula Göggelmann und Elisabeth Grünwald von der Frauengeschichtswerkstatt (von links) vor dem Naturkundemuseums. Das Gebäude fungierte ursprünglich als Altes Lyzeum, die Lateinschule, die nur von Jungs besucht werden durfte. Foto: Eva Kurz
EVA KURZ 07.03.2012
Im Vorfeld des Internationalen Frauentages am 8. März hatte das Heimatmuseum und die Frauengeschichtswerkstatt zu einer Themenführung im Museum und in der Innenstadt eingeladen.

Beleuchtet wurden Reutlinger Frauenrechtlerinnen - allen voran Laura Schradin, deren Todestag auf das Datum des Internationalen Frauentages fällt. Sie war zeitlebens politisch und sozial engagiert und setzte sich für Bildung, vor allem für Mädchen, ein. Bekannt ist sie in ihrer Heimatstadt auch für ihre Kriegsflickwerkstätten, in denen zu Bestzeiten 2200 Frauen angestellt waren, um Kleidungsstücke und Uniformen zu flicken. Als Tochter eines Weingärtners wuchs Laura Schradin in ärmlichen Verhältnissen auf. Der Weg zu einer höheren Schulbildung war ihr versperrt, was sie ihr Leben lang bedauerte, wie Marisse Hausser vom Heimatmuseum berichtete. Doch bildete sich Laura Schradin selbst weiter. Sie brachte sich Maschinenschreiben und Stenografie bei, las Marx und Lily Braun.

Im 19. Jahrhundert florierte die Reutlinger Textilindustrie, die Fabriken brachten einen gewissen Wohlstand. Auch Laura Schradin fasste in der Textilindustrie Fuß und arbeitete ab 1896 als Weberin bei der Firma "Hecht und Gross" in Betzingen. Schon ein Jahr später trat die nun 19-Jährige in die SPD ein, worauf vor allem ihr Vater sehr stolz gewesen sein soll, erklärte Marisse Hausser. Laura Schradins politische Anliegen richteten sich gegen Kinderarbeit und für das Frauenwahlrecht. Immer wieder wies sie auf die schlechten Wohnungssituation der Bürger hin und plädierte für eine bessere Bildung, auch für die Arbeiterschicht. Ihre politische Karriere brachte sie von 1919 bis 1924 nach Stuttgart in den Württembergischen Landtag. Sie kandidierte sogar für den Reichstag, schied dann aber doch aus. Auch die Reutlinger Politik bestimmte sie ab 1920 fünf Jahre lang als Stadträtin mit. Die Politikerin blieb ihrer Einstellung während beider Weltkriege treu. 1914 hielt sie in Esslingen eine Rede gegen den ersten Krieg und wurde verhaftet. Während des Zweiten Weltkrieges wurde sie wegen ihres öffentlichen Widerstandes gegen die Obrigkeit zu einer dreimonatigen Haft verurteilt. Diese musste sie allerdings aus gesundheitlichen Gründen nicht antreten. Elisabeth Grünwald von der Frauengeschichtswerkstatt wies noch auf ein anderes Betätigungsfeld Laura Schradins hin: Diese war nämlich auch Kuratorin an der Frauenarbeitsschule, die 1868 im obersten Stockwerk des Spendhauses mit gerade einmal neun Schülerinnen den Lehrbetrieb aufnahm. Innerhalb von zehn Jahren hatte sich die Schule so entwickelt, dass 900 Schülerinnen die Kurse besuchten und ein neues und größeres Gebäude in der Konrad-Adenauer-Straße bezogen wurde. Die Schülerinnen kamen aus allen Teilen Deutschlands und sogar aus der Schweiz oder aus den USA. Auch heute noch besteht die Schule und trägt zudem den Namen seiner berühmten Kuratorin.

Frauen gerieten oft in Vergessenheit, weil es keine schriftlichen Aufzeichnungen über sie gebe, erklärte Christl Ziegler von der Frauengeschichtswerkstatt. Im Fall von Laura Schradin handle es sich um einen Glücksfall, da man über ihr Leben gut unterrichtet sei. Eine ebenso wichtige Frau der Reutlinger Geschichte war Elisabeth Zundel. Sie war Volksschullehrerin und Gemeinderätin. 1921 gründete sie den Ortsverein der Arbeiterwohlfahrt in Reutlingen und 1957 das Altenheim in der Ringelbachstraße. Laura Schradin und Elisabeth Zundel waren es auch, die in Reutlingen zum ersten Mal den Internationalen Frauentag am 19. März 1911 feierten. So sei es auch bezeichnend, dass Laura Schradin am 8. März, dem heutigen Frauentag, starb, wie Marisse Hausser zu bedenken gab. Die letzten Worte der Frauenrechtlerin sollen "Ich kann euch nicht mehr helfen" gewesen sein, was zeige, dass sie bis zum Schluss für ihre Sache engagiert gewesen sei.