Orgelsommer Zarte Töne und volles Gebraus

Reutlingen / OTTO PAUL BURKHARDT 15.07.2016
Neun Konzerte in vier Kirchen - so lässt sich das Programm des Reutlinger Orgelsommers kurz umschreiben. Die Reihe beginnt am 23. Juli.

Lüneburg und Karlsruhe, Höchst und Stuttgart haben einen. Auch in Reutlingen gibt es einen Orgelsommer – seit 1990 schon. Dieser Tage stellte der künstlerische Leiter der Reihe, Marienkirchenkantor Torsten Wille, das Programm der Konzertreihe 2016 vor. Es umfasst wieder neun Konzerte in vier Kirchen – neben der Marienkirche und der evangelischen Kirche Gönningen sind auch die katholischen Gotteshäuser St. Wolfgang sowie St. Peter und Paul dabei.

Die Reihe ist dem ökumenischen Gedanken verpflichtet. Sie ermöglicht es, vier verschiedene Orgeln und Klangprofile kennen zu lernen. Ganz zu schweigen von der spirituellen Dimension der Musik – und der Möglichkeit, in der Sommerhitze einen kühlen Ort der Meditation aufzusuchen. Vielleicht aus all diesen Gründen erreicht der Reutlinger Orgelsommer, ausgestattet mit einem vergleichweise bescheidenen Etat von 2500 Euro, jährlich einen gleichbleibend großen Zuschauerkreis.

Neuerungen gab es immer wieder. Vorgänger Eberhard Becker hat jeweils ein Familienkonzert fest im Orgelsommer etabliert. Und Nachfolger Torsten Wille setzte 2015 erstmals mit einer langen Orgelnacht neue Akzente, die so gut ankam, dass sie sich auch 2016 wieder im Programm findet. Auch das Design hat sich im zweiten Wille-Jahr verändert – das Faltblatt zur Reihe ist lichter, heller, übersichtlicher geworden.

Von Beginn an gehörten zum Orgelsommer auch Gastsolisten aus dem Ausland – von Frankreich, Italien reicht da die Reihe inzwischen bis Russland, Uruguay, Brasilien, Israel, USA, Kanada und mehr. Dieses Jahr eröffnet ein Gast aus Österreich am 23. Juli die Reihe: Matthias Giesen ist Kantor und Kapellmeister am Stift St. Florian, wo er die legendäre Bruckner-Orgel bespielt. In der Marienkirche präsentiert er ein Vier-Epochen-Programm von Barock bis Moderne, gekrönt durch Messiaens „Messe de la Pentecôte“.

Im Familienkonzert am 28. Juli ist – nach „Peter und der Wolf“ oder „Nussknacker“ – dieses Jahr eine biblische Geschichte über Schuld und Versöhnung dran: „Jakob und Esau“, kindgerecht erzählt von Pfarrerin Sabine Großhennig. Torsten Wille wird dazu, wie es heißt, „Improvisationen und passende Werke“ spielen, wobei das Spektrum hier von Bach und Widor bis hin zu Opernkomponisten wie Rossini und Bizet reichen wird.

Martin Neu wiederum, Kantor an St. Peter und Paul, wird dort am 30. Juli ausschließlich Werke aus Barock und Moderne spielen, darunter „Volumina“ (1962) von György Ligeti, einen Klassiker der neuen Musik, der einst durch gewaltige Cluster, erzeugt mit den Unterarmen, das Publikum schockierte. Andere Hörer empfanden durchaus, dass ihnen hier „der heilige Geist um die Ohren brauste“. In St. Wolfgang wird Andreas Dorfner am 6. August Werke zum Thema „Lumen Christi“ (Licht Christi) spielen, darunter schwerpunktmäßig aus der Romantik von Reger bis Dubois, aber auch aus der Moderne von Jean Langlais.

Torsten Wille , der künstlerische Leiter des Orgelsommers, widmet sein Konzert am 13. August in der Marienkirche der Wiederentdeckung Bachs im 19. Jahrhundert. Er will dabei zwei Mammutwerke über den Namen B-A-C-H zur Aufführung bringen: Schumanns sechsteiligen Fugen-Zyklus und Regers Phantasie und Fuge. Von dem 1974 verstorbenen französischen Operetten- und Filmkomponisten Henri Casadesus, der mit seinem Bruder gern mit Werken im Stile von Händel oder Mozart auf sich aufmerksam machte, spielt Wille ein Concerto c-moll „im Stile von Johann Christian Bach“ – ein schillernde Rarität.

Am 20. August steigt dann wieder eine lange Orgelnacht mit Lichtinstallation des Tübinger LTT-Mitarbeiters Holger Herzog. Drei Solisten werden an drei Orgeln zu Gange sein, zum Teil aber auch zu dritt an einem Instrument spielen, mit sechs Händen und sechs Füßen also. Thema ist dieses Jahr Vivaldis Zyklus „Die vier Jahreszeiten“. Zwischendurch wird es eine Pause geben – Zeit zum „Wandeln im Licht“. Auch im zweiten Konzertteil kann es vorkommen, dass da plötzlich bekannte Klänge aufblitzen – wie 2015 schon Wagners „Walkürenritt“. Und das Ganze gipfelt dann in einem „Orgelfeuerwerk“. Wer spielt? Simon Reichert, Kantor in Neustadt an der Weinstraße, Peter Schleicher, Dozent an der Kirchenmusikhochschule Rottenburg, und – Torsten Wille.

Mit Johanna Soller (Jahrgang 1989), seit kurzem Organistin an der Stadtpfarrkirche St. Peter in München, wird dann am 27. August eine vielversprechende Gastsolistin in St. Wolfgang konzertieren. Sie ist in die Bundesauswahl „Konzerte Junger Solisten“ des Deutschen Musikrats aufgenommen worden – und aus dieser Besten-Auswahl wird Wille regelmäßig Nachwuchskräfte in Reutlingen vorstellen. Sollers Programm: Bruhns, Bach, Mendelssohn, Reger.

Von der St. German’s Cathedral auf der Isle of Man kommt Peter Litman . Der promovierte Organist wird am 3. September in der Gönninger Kirche ein Programm spielen, das überwiegend der anglikanischen Tradition gewidmet ist. Neben einer „Greensleeves“-Bearbeitung von Ralph Vaughan Williams wird Litman auch populäre Skurrilitäten wie „Will O‘ the Wisp“ des Amerikaners Gordon Balch Nevin ertönen lassen – eine kleine, wuselige Scherzo-Toccatina, deren Titel manche mit einem mystischen „Irrlicht“ übersetzen, manche aber auch mit den Worten „Irrwisch“, „Truglicht“ oder gar „Sumpfgeist“.

Den Abschluss der Reihe markiert am 10. September in der Marienkirche Hans-Jürgen Kaiser , Organist am Hohen Dom zu Fulda. Er bringt Werke zum Thema „Ein feste Burg ist unser Gott“ zu Gehör, und zwar, in einer ähnlichen Komponistenauswahl wie bei Soller: Bruhns, Bach, Mendelssohn und Reger. Der Solist aus Fulda ist zudem Professor für Orgelimprovisation, eine Kunst, die auch Torsten Wille sehr schätzt und gern praktiziert – so wird Kaiser auch improvisieren, „über ein gegebenes Thema“, wie es heißt. Noch ein Wort zu Max Reger, an dessen 100. Todestag dieses Jahr erinnert wird. Von Haus aus Katholik, soll er ja einst gegrollt haben: „Die Protestanten wissen nicht, was sie an ihrem Chorale haben!“ Aus dieser Verehrung heraus ist es auch zu erklären, dass Reger mit „Ein feste Burg“ ausgerechnet ein protestantisches „Kampflied“ als Ausgangspunkt einer, wie immer, überbordenden „Choralfantasie“ nahm. Besonders drastisch vertont Reger die Passage „Und wenn die Welt voll Teufel wär“ – in einer Experten-Beschreibung heißt es: „mit Doppelpedal und wahrhaft diabolischen Akkordkaskaden im Manual“.

Vier Orgeln, vier Klangprofile

Reutlinger Orgelsommer: Die Reihe bespielt vier Kirchen. So ist es möglich, die Klangcharakteristik verschiedener Instrumente zu erleben. Die Disposition, sprich: die Konzeption der Registerauswahl, ist oft ein Spiegelbild der Bauzeit und derer Vorlieben. So ist der Orgelsommer auch eine Orgelreise. Der Bogen reicht von der frühromantischen Engelfried-Orgel von 1844 (Gönningen) über die symphonische Rieger-Orgel von 1988 (Marienkirche) bis hin zur renovierten Fischer + Krämer-Orgel in St. Peter und Paul (1992/2006) und zum Neu-Instrument der Firma Freiburger Orgelbau Hartwig und Tilman Späth in St. Wolfgang (2007). op

Karten für den Reutlinger Orgelsommer gibt es unter anderem im Konzertbüro Reutlingen ? (0 71 21) 302-292, im Bürger- und Verkehrsverein Tübingen ? (0 70 71) 91 360 und beim Kulturamt Reutlingen ? (0 71 21) 303-2753.

Vier Orgeln, vier Klangprofile

Reutlinger Orgelsommer: Die Reihe bespielt vier Kirchen. So ist es möglich, die Klangcharakteristik verschiedener Instrumente zu erleben. Die Disposition, sprich: die Konzeption der Registerauswahl, ist oft ein Spiegelbild der Bauzeit und derer Vorlieben. So ist der Orgelsommer auch eine Orgelreise. Der Bogen reicht von der frühromantischen Engelfried-Orgel von 1844 (Gönningen) über die symphonische Rieger-Orgel von 1988 (Marienkirche) bis hin zur renovierten Fischer + Krämer-Orgel in St. Peter und Paul (1992/2006) und zum Neu-Instrument der Firma Freiburger Orgelbau Hartwig und Tilman Späth in St. Wolfgang (2007). op

Karten für den Reutlinger Orgelsommer gibt es unter anderem im Konzertbüro Reutlingen ? (0 71 21) 302-292, im Bürger- und Verkehrsverein Tübingen ? (0 70 71) 91 360 und beim Kulturamt Reutlingen ? (0 71 21) 303-2753.

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