Reutlingen Zahlen sorgen für Ernüchterung

Für den Reutlinger Sozialbürgermeister Robert Hahn ist es ein Unding, dass die Stadt Stuttgart in Reutlingen um Erzieherinnen wirbt.
Für den Reutlinger Sozialbürgermeister Robert Hahn ist es ein Unding, dass die Stadt Stuttgart in Reutlingen um Erzieherinnen wirbt. © Foto: Ralph Bausinger
Reutlingen / Von Ralph Bausinger 29.11.2017

Wir tun viel, sind aber derzeit in einer schwierigen Situation. Die steigenden Geburtenzahlen und die hohe Zahl der Kinder unter den Zugezogenen hätten die Stadtverwaltung überrascht, räumte Sozialbürgermeister Robert Hahn beim Pressegespräch am Montagnachmittag ein. Darin wurde vom Ergebnis der Anhörung am Freitag berichtet, zu der sich die Stadtverwaltung, alle Gemeinderatsfraktionen, die freien Träger, der Gesamt-Elternbeirat Reutlinger Kindergärten und Kindertagesstätten (GERK) und eine Vertreterin der IHK Reutlingen getroffen hatten. Auslöser der Anhörung war ein Bürgerantrag der GERK gewesen, den alle Gemeinderatsfraktionen aufgegriffen und in einen interfraktionellen Antrag umgewandelt hatten.

Die Anhörung habe umfassend für Klarheit und Ernüchterung gesorgt, bilanzierte Claus Mellinger, Geschäftsführender Vorstand des GERK. Klarheit, weil jetzt die Zahlen auf dem Tisch liegen, Ernüchterung, weil derzeit mindestens 200 Betreuungsplätze für über Dreijährige in städtischen und privaten Betreuungseinrichtungen fehlen. Ernüchtert zeigte sich Mellinger auch darüber, wie lange es dauert, bis eine neue Einrichtung in Betrieb genommen werden kann: „Das ist zu lang für die Kinder, die auf der Warteliste stehen. Wir schieben eine Bugwelle vor uns her“, sagte Mellinger. Alle Beteiligten suchten Ideen, die kurzfristig helfen, Plätze zu schaffen.

Über 45 Millionen Euro gab die Stadt 2016 für Kinderbetreuung aus, 2007 waren es noch 25 Millionen Euro gewesen. Bis Ende des kommenden Jahres sollen 456 neue Betreuungsplätze entstehen, bis 2021 werden es dann laut Plan 709 Plätze bei städtischen und freien Trägern sein. Das würde reichen, sofern die neue Bedarfsplanung keinen höheren Bedarf ermittelt.

Ein zentrales Problem ist der Personalmangel: Die Stadt könnte insgesamt weitere 114 Plätze anbieten, sofern sie das nötige Personal findet. Und daran hapert es gewaltig. „Der Arbeitsmarkt ist in Reutlingen und ganz Baden-Württemberg nicht nur bei den Erzieherinnen leergefegt“, betont  Hahn. Derzeit sind sieben Prozent der insgesamt 580 Stellen (4000 Vollzeitäquivalente) in städtischen Kinderbetreuungseinrichtungen nicht besetzt, bei den freien Trägern liege dieser Wert noch höher, sagte Hahn. Stadt und freie Träger müssten Arbeitsbedingungen schaffen, damit die Leute zufrieden nach Hause gehen.

Auf einem leergefegten Arbeitsmarkt sei es umso wichtiger,  selbst für Nachwuchs zu sorgen: „Ausbilden, ausbilden, ausbilden“, müsse die Maxime lauten, sagt Hahn. Die Stadt bietet 30 Plätze für die dreijährige praxisintegrierte Ausbildung zur Erzieherin und zum Erzieher (PiA) an, dazu kommen noch 21 einjährige Berufspraktikantenplätze. Allerdings, macht der Sozialbürgermeister deutlich, „haben wir die leichte Befürchtung, dass wir auch für andere Kommunen und Kreise ausbilden.“

Ganz übel stößt ihm da die Plakataktion der Stadt Stuttgart an mehreren Stellen im Reutlinger Stadtgebiet auf: Es sei schon eine neue Qualität, dass sich Kommunen gegenseitig Personal abwerben, kritisiert Hahn.

Doch was kann die Stadt tun? Der Sozialbürgermeister plädiert dafür, das Image der Kinderbetreuung anders aufzustellen und dafür zu werben, wie befriedigend es sein kann, in einem erzieherischen Beruf zu arbeiten. Und er spricht sich dafür aus, mit der „Mär aufzuräumen, dass die Arbeit im Kita schlecht bezahlt“ sei. So starte eine Erzieherin nach dreijähriger Ausbildung mit 2892 Euro brutto monatlich, und die Leiterin einer großen Einrichtung  könne in Stufe 6 über 5400 Euro verdienen.

Ab 1. Dezember wird es in der Stadtverwaltung eine Mitarbeiterin geben, die sich gezielt um die Personalbetreuung und -akquise kümmern soll. Die Botschaft an junge Menschen müsse, ist Hahn überzeugt, lauten: „Hier ist ein krisensicherer Arbeitsplatz.“

Mellinger bedauerte, dass bei der Anhörung am Freitag Vertreter der Wirtschaft gefehlt haben. „Wie schaffen wir es, dass Unternehmen uns bei der Platzbeschaffung unterstützen?“ Einige Firmen bieten allein oder gemeinsam einen Tiger an – gemeint ist die Tagesbetreuung in geeigneten Räumen.

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