Reutlingen Zahlbar und groß genug soll sie sein

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Reutlingen / RALF OTT 31.07.2016
Viele Menschen in der Region suchen dringend bezahlbare Wohnungen. Ohne Erfolg. Der Mieterbund Reutlingen-Tübingen stellte jetzt Fakten vor.

In den vergangenen zehn Jahren ist der Bestand an Sozialwohnungen in der Achalmstadt von 4500 auf derzeit 1600 gesunken. Diese sind allesamt im Eigentum der Wohnungsbaugesellschaft GWG und ihre Anzahl ist gedeckelt. Zugleich stehen dort 1500 Wohnungssuchende auf der Warteliste, wie Karl Böhmler, Vorsitzender des Mieterbunds Reutlingen-Tübingen, und dessen Geschäftsführer Thomas Keck gestern im Pressegespräch betonten. Die Betroffenen stehen zwar nicht auf der Straße, müssen aber mit schlechten Wohnverhältnissen zurechtkommen, wie beispielsweise Schimmelbefall oder schlichtweg mit zu kleinen Wohnungen. „Die Leute haben zwar ein Dach über dem Kopf, sind aber unterversorgt“, so Böhmler. Auf der anderen Seite ist die Stadt verpflichtet, diejenigen, die akut von Wohnungslosigkeit bedroht sind, bei der Zuteilung von Wohnraum zu bevorzugen.

Mit Blick auf die angespannte Lage auf dem Wohnungsmarkt reiht sich der Großraum Reutlingen und Tübingen ein in die generelle Situation im Land, wie Keck berichtete. Derzeit werden in Baden-Württemberg 32?000 Wohnungen jährlich fertiggestellt und damit nicht einmal ein Drittel des tatsächlichen Bedarfs. Die Bevölkerung im Ländle ist allein im vergangenen Jahr um 150?000 Personen gewachsen. Allein diese Zahl entspricht einem Bedarf von 70?000 Wohneinheiten, unterstrich Keck, der am Montag an der ersten Sitzung der neuen „Wohnallianz“ für das Land mit Vertretern der Politik und Verwaltung, des Mieterbunds, der Architektenkammer, des Städtetags sowie der Verbände der Wohnungswirtschaft teilnahm. Dort hat die grün-schwarze Regierung für nächstes Jahr ein neues Landeswohnraumförderprogramm angekündigt. Volumen: 250 Millionen Euro und damit 45 Millionen mehr als der Vorgänger. Nach Ansicht der Fachleute ist das immer noch zu wenig, erforderlich seien vielmehr 330 Millionen Euro. Derzeit gibt es landesweit 57?000 Sozialwohnungen, die nicht einmal zwölf Prozent des Bedarfs abdecken. Zu der spürbaren Lücke hat auch der Verkauf der 20?000 Sozialwohnungen der Landesbank an einen privaten Investor geführt. Trotz des engen Wohnungsmarkts warnte Keck davor, die benachteiligten Gruppen gegeneinander auszuspielen.

Der Neubau von Wohnungen ist nicht nur eine Willensfrage, denn die Wohnungsunternehmen sind an ihre Kapazitätsgrenzen gelangt. Erschwerend kommen lange Zeiträume für die Aufstellung von Bebauungsplänen hinzu und knapp bemessenes Bauland. „Die Städte müssen verstärkt Grundstücke auf Vorrat kaufen“, forderten die beiden Vertreter des Mieterbunds. Keine Chancen räumen die Experten derzeit einer Liberalisierung der Bauvorschriften ein, wie Keck verdeutlichte. Er erinnerte zudem an die Kernpunkte des kürzlich von mehreren Fraktionen im Gemeinderat eingebrachten Antrags zum „Reutlinger Weg“: Demnach sollen künftig im Regelfall 30 Prozent der Wohnungen mit Sozialbindung errichtet werden, die wiederum 25 Jahre gelten soll und damit so lange wie von Seiten des Gesetzgebers gestattet. Ferner wird ein Vorkaufsrecht der Stadt gefordert sowie ein weiterer 20-prozentiger Flächenabzug beim Verkauf von Grundstücken mit finanzieller Entschädigung.

Fakten zum Mieterbund

Der Mieterbund Reutlingen-Tübingen vertritt 7300 Mitgliedshaushalte und unterhält in der Region fünf Beratungsstellen. Dort kümmern sich sechs Rechtsanwälte um jährlich 4600 Anfragen und Streitfälle. Dabei stehen Nebenkosten (1100 Fälle) vor Wohnungsmängeln (850), Mieterhöhungen (400) und Kautionsproblemen (300).

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