Live-Stream? Imagefilm? Mit solchen Vokabeln hätten die Musiker, die sich im Herbst 1945 in Reutlingen zu einem Orchester zusammentaten, wenig anfangen können. Heute, 2020, gehört derlei zum Grundwortschatz, um ein Orchester im digitalen Zeitalter gut zu präsentieren.

Und noch ein Vergleich: Vor einem Dreivierteljahrhundert mussten die Musiker im wackligen Holzgas-Laster mit offener Pritsche über Land fahren, um auswärts Konzerte zu geben. Heute kann sich die Württembergische Philharmonie Reutlingen per Live-Stream nach, sagen wir, Zainingen beamen, sodass junge Musikfans dort das Orchester auch virtuell erleben und befragen können. Wie so oft war die Philharmonie auch bei dieser neuartigen Musikvermittlung Vorreiter und gewann dafür kürzlich den Preis „Innovatives Orchester 2019“.

Vom Holzgaslaster zum Live-Stream

 Vom Holzgaslaster zum Live-Stream: Es war ein langer Weg. Nun, im Jahr 2020, wird die Württembergische Philharmonie Reutlingen 75. Was entsprechend gefeiert wird – mit einem Festakt samt Konzert am Sonntag und einem  Neujahrskonzert am Montag. Apropos innovativ: Wer’s etwas poppiger mag, kann ein paar Tage später ins Philharmonie-Konzert „A Tribute to the Beatles“ gehen. Da lässt sich „Penny Lane“ mit live gespielten Bach-Trompeten und „Yesterday“ mit Streichquartett erleben.

Bürgerschaftliches Friedensprojekt

Ein kurzer Blick zurück: Gegründet wurde das Orchester 1945 in den ersten Monaten nach dem Zweiten Weltkrieg – als bürgerschaftliches Friedensprojekt nach Jahren der Barbarei. Es ist wichtig, sich dies zu vergegenwärtigen – gerade heute, da selbst Kriege in derart globalen Dimensionen wieder in bedrohliche Nähe rücken. Ein Zeitzeuge beschrieb die Anfänge des Orchesters 1945 als „eine Geschichte von Idealisten und Besessenen, Traumwandlern und Verwegenen, ‚Hungerleidern‘ und Mäzenen, Zaghaften und Wegweisenden“. Mit anderen Worten: als ein kleines Wunder, das damals begann.

Nur wenige Stationen seien erwähnt. 1983 etwa: Da legte man den braven Namen „Schwäbisches Symphonie-Orchester“ ab und gönnte sich die weltläufigere Bezeichnung „Württembergische Philharmonie Reutlingen“. Mittlerweile spielt das anfangs 30-köpfige Orchester in der zweitbesten Tarifgruppe B und umfasst 68 Planstellen.

Klar gab es auch Krisen. In der Nachkriegszeit stand das Orchester zuweilen vor dem finanziellen Aus. Politische Hinterbänkler blökten: „Die Kerle sollet doch ebbes schaffa!“ Doch die Musiker hielten durch – mit Erfolg: Die Zahl der Zuhörer stieg von 78 350 (1952) auf 145 000 (1970). Schließlich sorgten der Bau eines neuen Probenstudios 1997 und die 1998 gegründete Stiftung für eine stabile Grundlage. Nicht ohne Grund: Noch 1998 erwog eine Sparkommission des Landes eine Zwangsehe der Reutlinger mit den Stuttgarter Philharmonikern. In der Tat sind seit 1992 fast 40 Orchester in Deutschland weggespart worden.

Trotz dieser Hau-weg-Politik ist es so, dass laut Statistik 2017 nach wie vor weit mehr Zuschauer in klassische Konzerte strömen (18,2 Millionen) als zu den Spielen der 1. Bundesliga (13,2 Millionen).

  Unvergessliche Momente in der Orchestergeschichte? Es gab viele davon. Etwa die Gastspiele der Philharmonie in der Rotterdamer Ahoy-Arena – „Carmen“ an sieben Abenden vor 42 000 Zuschauern. Die Japantournee des Orchesters 2006 mit Konzerten in der Suntory Hall Tokio. Im selben Jahr dann das Debüt der Reutlinger im Allerheiligsten der Klassik – im Goldenen Saal des Wiener Musikvereins. Unvergessen auch die Konzerte der Philharmonie mit Topstars wie José Carreras, Jonas Kaufmann und Lang Lang. Und dann natürlich die Eröffnung der Stadthalle im Januar 2013 – ein weiterer Quantensprung in der Orchestergeschichte. Erst recht die magischen Musik-Momente: Wagners „Karfreitagszauber“ unter Roberto Paternostro, Coplands Dritte unter Fawzi Haimor.

  Jetzt, beim Festakt zum 75. der Philharmonie, erklingt Beethovens Neunte. Doch weil das Orchester sich auch für die zeitgenössische Musik einsetzt, wird obendrein ein Auftragswerk uraufgeführt: „Ice, Wind, War & Spring“, ein Oratorium von Kareem Roustom, einem US-Amerikaner mit syrischen Wurzeln väterlicherseits. Er ist 2020 „Composer in Residence“ bei der Philharmonie. Das Werk ist eigens zum Geburtstag des Orchesters komponiert worden – und zum Gedenken an das ebenfalls 75 Jahre zurückliegende Ende des Zweiten Weltkriegs.

Zum Auftakt des Jubeljahrs


Am Sonntag, 12. Januar, 17 Uhr, ist in der Reutlinger Stadthalle der Festakt mit Konzert.

Am Montag, 13. Januar, 20 Uhr folgt in der Stadthalle das Neujahrskonzert. Das jeweilige Programm unter Chefdirigent Fawzi Haimor: „Ice, Wind, War & Spring“ von Kareem Roustom (Uraufführung) und die 9. Sinfonie von Beethoven.

Am Donnerstag, 23. Januar, 20 Uhr, gibt es in der Stadthalle „A Tribute to the Beatles“.