Die Wahl eines Reutlinger Oberbürgermeisters hat, wie Johannes Schwörer als Vorsitzender des IHK-Gremiums Reutlingen anmerkte, Auswirkungen auf die gesamte Region. So war es wenig erstaunlich, dass das Interesse am IHK-Wahlpodium am Montag riesig war. Mehr als 200 Besucher füllten das IHK-Forum. Sie alle wollten wissen, wie sich die fünf Bewerber Cindy Holmberg, Dr. Carl-Gustav Kalbfell, Thomas Keck, Dr. Christian Schneider und Andreas Zimmermann bei wichtigen Themen wie Verkehr und Umsetzung des Luftreinhalteplans, Gewerbeflächen, Parkgebühren, der Marke Reutlingen oder auch Stadtkreisbildung/Auskreisung positionieren.

Verbote für Dieselfahrzeuge wollen alle Kandidaten vermeiden. Sollte es dennoch dazu kommen, brachte Cindy Holmberg Ausnahmegenehmigungen für Handwerker ins Spiel. Mit Blick auf die Dietwegtrasse/Südumfahrung Orschel-Hagen zeigten sich in der von IHk-Pressesprecher Christoph Heise moderierten Runde deutliche Unterschiede in den Positionen. Während Zimmermann den Bau dieser Trasse für „völlig sinnlos“ hält und stattdessen einen vierspurigen Ausbau der B 312 favorisiert, zeigten sich Kalbfell, Keck und Schneider überzeugt, dass die Südumfahrung als Verbindung zwischen der B 27 und dem Scheibengipfeltunnel gebraucht werde.

Holmberg wiederum sprach sich gegen den Bau der Dietwegtrasse aus, weil diese mehr Verkehr von der B 27 anziehe. Ohne Albaufstieg werde Reutlingen zwar entlastet, dafür stauten sich die Autos und Lastwagen in Lichtenstein. Die Stadt dürfe hier nicht nur auf ihre eigenen Interessen schauen.

Mit Blick auf die zahlreichenQuellen lehnte Keck vehement einen Albaufstieg durchs obere Echaztal ab und forderte stattdessen eine andere Trassenführung. Das Grundwasser werde in Zukunft erheblich an Bedeutung gewinnen. „Man kann nicht die ganze Menschheit an den Bodensee anschließen“, betonte der von der SPD unterstützte Bewerber.

Das Thema Stadtkreisgründung/Auskreisung wird durchaus mit unterschiedlichen Nuancen wahrgenommen. SPD-Stadtrat Keck steht voll hinter dem Antrag der Stadt und dem Vorgehen des Gemeinderats. Die Belange der „sehr großen Kreisstadt“ kämen in der jetzigen Struktur nicht mehr so zum Tragen wie es nötig wäre: „Die Jacke Landkreis ist für die Stadt zu klein geworden“, sagte Keck.

Der von der CDU unterstützte  Schneider stellte beim IHK-Wahlpodium nochmals klar, dass er sich als Stadtoberhaupt  nicht gegen die Beschlussfassung des Gemeinderats stellen werde. Parallel zur Verfassungsbeschwerde möchte er jedoch auf den Landrat zugehen, um die Verwaltung effizienter zu machen. Die Interessen der Stadt sind auch aus seiner Sicht berechtigt – nur mit einer starken Großstadt gebe es auch einen starken Kreis.

Er habe in dieser Frage eine klare Position und müsse sich nicht wie Schneider verbiegen, konterte Kalbfell. Für den von der FDP unterstützten Sozialbürgermeister von Leinfelden-Echterdingen ist klar, dass der Stadtkreis das richtige Format für Reutlingen ist. Schließlich fordere die Achalmstadt nur diese Rechte ein, die Städte gleicher Größenordnung schon haben. Wenn man schaue, wie das Verfahren abgelaufen sei, habe die Stadt mit ihrer Verfassungsbeschwerde durchaus Chancen, betonte Kalbfell. Für seine Mitbewerberin Cindy Holmberg ist klar, dass Reutlingen Stadtkreis werden und der Landkreis auch ohne die Stadt existieren könne. „Die Frage ist: Muss das sein?“, stellte die von der Grünen nominierte Kandidatin in den Raum.

Wohl nicht ganz ernstgemeint war die Aussage des 49-jährige Diplom-Ingenieurs aus Karlsruhe, der von „Der Partei“ unterstützt wird. Reutlingen solle wieder „freie Reichsstadt“ werden, sagte Zimmermann und sprach  sich gegen die Ausweisung neuer Gewerbegebiete aus, solange es innerorts Brachflächen gebe. Holmberg, Keck, Kalbfell und Schneider sind ebenfalls für die Entwicklung bestehender Brachflächen. Alle vier wollen sich für eine stärkere, interkommunale Zusammenarbeit bei der Ansiedlung von Gewerbe einsetzen.

Wie lässt sich die Attraktivität der Stadt für Leute verbessern, die einkaufen wollen? Kalbfell möchte als OB eine Initiative  zum Thema Parkgebühren starten. Reutlingen müsse hier moderner werden, forderte der von der FDP unterstützte Kandidat. Dazu gehöre der Einsatz intelligenter Systeme, wie das Bezahlen per Smartphone. Zudem plädierte Kalbfell für ein bis zwei Stunden kostenloses Parken. Und die anderen? Eine vollständige Abschaffung der Parkgebühren lehnten Holmberg, Keck und Schneider ab. Wichtiger sei, so die Bewerberin der Grünen,  die Plätze und Straßen zu entwickeln und die Aufenthaltsqualität zu steigern, wie Keck ergänzte. Schneider wiederum brachte eine neue Idee ins Spiel, er möchte die Hochschule über eine Eventbibliothek in die Innenstadt holen. „Junge Menschen machen  die Stadt lebendig.“