Offenbar sind Wildschweine extrem lernfähig. Wie sonst könnte es sein, dass sie auf die Einführung des Regiejagdmodells so schnell und klug reagieren und um die offenen Feldbereiche lieber einen Umweg machen? „Die wissen jetzt, dass ihnen in Pfullingen was um die Ohren fliegen kann“, hat Prof. Dr. Thorsten Beimgraben erkannt – und das dem Gemeinderat in seiner jüngsten Sitzung auch mitgeteilt. Da war der Experte von der Hochschule für Forstwirtschaft in Rottenburg eingeladen, um über die Entwicklung des Regiejagdmodells zu berichten, das vor vier Jahren unter großem Aufsehen und gegen nicht unerheblichen Widerstand in der Echazstadt eingeführt wurde.

Noch heute wird das „Pfullinger Modell“, das die Stadt gemeinsam mit der Hochschule umsetzt, landesweit äußerst kontrovers diskutiert – was auch Beimgraben andernorts des Öfteren zu spüren bekommt. „Die Jäger fürchten halt das Ende der Verpachtungen“, weiß er und gibt zu, dass man von Anfang an mehr Öffentlichkeitsarbeit hätte machen müssen. Und auch die Einbindung der Landwirte sei anfangs nicht gelungen. Jetzt aber scheint das Pfullinger Modell auf einem guten Weg zu sein. Die Umstellung von neun Jagdbezirken, die an private Pächter vergeben waren, auf zwei rechtlich eigenständige Bezirke, die nach einheitlichen Zielsetzungen gesteuert werden, scheint sich zu lohnen.  Sowohl bei der Eigenregiejagd der Stadt als auch bei der im gemeinschaftlichen Bereich hat der Leiter des Forstreviers Pfullingen, Bernd Mair, das Sagen. Er koordiniert die Arbeitseinsätze und setzt die jagdlichen Schwerpunkte für die 30 Inhaber der sogenannten Begehungsscheine.  In der Saison 2018/19 haben sie 1497 Jagdgänge mit einer durchschnittlichen Zeit von 3,2 Stunden gebucht. 4790 Stunden oder umgerechnet 599 Tage haben sie so in den Bezirken verbracht. Wobei es vor allem fünf Jäger sind, die extrem oft aktiv werden und die Hälfte der Buchungen machen – was ihnen allerdings dank eines Bonussystems auch eine finanzielle Entlastung bei den Begehungsschein-Kosten bringt.

184 Rehe haben die Jäger allein im städtischen Bezirk geschossen, 64 waren es im gemeinschaftlichen Bereich. Beim Schwarzwild, dessen Präsenz auf den Feldern deutlich zurückgegangen ist, belaufen sich die Erlegungen auf 33 und 25. Vor allem bei den Rehen sind die Abschüsse in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen.  Und damit ist auch der gewünschte Erfolg eingetreten: „Der Stadtwald, in dem wir zuvor erhebliche Verbissprobleme hatten, hat sich deutlich verjüngt“, berichtet Beimgraben.  Denn vor der Umstellung aufs Pfullinger Modell hatten die entsprechenden Organisationen der Stadt gedroht, ihr keine neuen Zertifizierungen zu gewähren. Das hätte den Holzverkauf nahezu unmöglich gemacht. Was die Zertifizierung angeht, so Bernd Mair, „ist die Kuh nun erst mal vom Eis“. Und auch die Wildvermarktung, ergänzt Beimgraben, laufe in Pfullingen sehr gut. Ja, das Kreisforstamt arbeite hier vorbildlich, findet der Experte, der glaubt, „dass die Einführung des Regiejagdmodells in Pfullingen nach wie vor ein Erfolg ist“.

Allerdings scheinen nicht alle Landwirte, auf deren Feldern Schäden entstanden sind, begeistert von dem neuen System zu sein, wie Stadträtin Ute Jestädt (UWV) schon zu Ohren gekommen ist.

Tatsächlich haben die Landwirte jetzt keinen konkreten Pächter mehr, mit dem sie über die Regulierung reden können. Sie müssen nun präventiv tätig werden, zusammen mit den Jägern Vorsorge treffen, Zäune pflegen und die Begehungsscheininhaber via Smartphone informieren, wo  zum Beispiel Wildschweine unterwegs waren. Was für die Jäger durchaus von Vorteil ist: So wissen sie, auf welchen Feldern sich die wenigen Wildschweine rumtreiben, die nicht so klug sind, im Wald zu bleiben.