"Soziale Balance in Zeiten der Veränderung" hat die Stadtverwaltung die Beschlussvorlage zu den Familienleitlinien überschrieben, die der Gemeinderat am Donnerstagabend diskutierte. Dabei gehe es nicht darum, die Dinge neu zu erfinden, sagte Oberbürgermeisterin Barbara Bosch. Sondern darum, die Vielzahl bereits bestehender Aktivitäten zu bündeln und sie unter einem Oberbegriff zusammenzufassen.

Dabei soll alles auf den Tisch kommen, um sehen zu können, ob etwas fehlt. Die Stadt stehe gerade, was die Leistungen für Arbeitnehmer und ihre Familien angehe, in Konkurrenz zu anderen Kommunen. Familienfreundlichkeit werde immer wichtiger: "Wir brauchen hier Transparenz und Übersicht", unterstrich die Rathaus-Chefin.

Gerade in Zeiten der Flüchtlingskrise und des demografischen Wandels müsse die Stadt Leitlinien entwickeln, "die über das alltägliche Klein-Klein hinausgehen", unterstrich Joachim Haas. Entscheidend sei die Frage, "wo wollen wir hingehen?", so der Sozialamtsleiter. Wer in die Zukunft agieren will, muss wissen, wo derzeit steht. Die Leitlinien haben das Ziel, "die künftigen Aufgaben kommunaler Familienpolitik zu beschreiben und zu bündeln". Damit bieten sie, wie es in der Vorlage heißt, "einen Orientierungsrahmen für eine kommunale Gesamtstrategie und das politische Handeln".

Die Erstellung der Leitlinien ist laut Verwaltung ein Prozess, in dem Verwaltung, Politik und freie Träger eine Bestandsaufnahme dessen machten, was in Zukunft notwendig sei.

Die Kosten des auf drei Jahre angelegten Projekts betragen 45 000 Euro pro Jahr, wovon die Lechler-Stiftung die Hälfte übernimmt. Für das Projekt ist eine halbe Stelle vorgesehen, die beim Sozialamt angesiedelt wird. Eine Steuerungsgruppe mit Vertretern der Ratsfraktionen, der Verwaltung und des Familienforums soll das Projekt begleiten.

Für Sabine Gross ist der jetzt gestartete Prozess das Ergebnis einer jahrelangen basisdemokratischen Arbeit im Familienforum. So habe sich im Lauf der Jahre die Frage aufgedrängt, wie sich ein gemeinsames Bewusstsein für Familienfreundlichkeit schaffen lässt, betonte die Stadträtin der Grünen, die "voller Inbrunst" der Vorlage zustimmte.

"Familienfreundlichkeit sollte sich wie ein roter Faden durch alle Themen in der Stadt ziehen", sagte Sebastian Weigle. Auch für den SPD-Stadtrat ist das Querschnittsthema ein Standortfaktor für mittelständische und große Unternehmen. Weigle zeigte sich auch überzeugt, dass es ohne die gute, breitangelegte Arbeit des Familienforums keinen Zuschuss gäbe. Eine "gute Sache", betonte auch Dr. Karsten Amann. Allerdings warnte der stellvertretende CDU-Fraktionsvorsitzende davor, bei den Familienleitlinien das "Spektrum, um das wir uns kümmern, nicht zu weit aufzufächern".

Die Gefahr, sich zu verzetteln, sieht Kurt Gugel nicht. Was die Familienpolitik betreffe, sei in Reutlingen schon einiges vorhanden. "Wir müssen schauen, wo Defizite sind und dort Schwerpunkte setzen", sagte der FWV-Stadtrat. Und auch Hagen Kluck (FDP) zeigte sich optimistisch, dass etwas Gutes herauskomme, wenn alle wichtigen Akteure mit im Boot seien.

Es gebe genügend einzelne Bausteine, aber es fehle das Dach darüber. "Wir müssen Prioritäten setzen", sagte Ute Beckmann. Seit Jahren "verweigern wir uns der Frage, was unsere Leitlinien als Stadt sind", kritisierte die WiR-Stadträtin.

Wo kommt die Stadt her?

"Reutlinger Familienoffensive" Unter diesem Begriff werden seit 2007 Maßnahmen und Aktivitäten, die der Schaffung von Angeboten für Familien in Reutlingen dienen, beschlossen und von der Verwaltung sowie freien Trägern umgesetzt. Dazu zählen Angebote aus Bereichen wie die Schaffung einer modernen Infrastruktur im Ganztagesschulbereich, der massive Ausbau der Angebote der Kindertagesbetreuung, die Wohnbauoffensive und das Projekt "Willkommen im Leben" sowie die verschiedenen Lebenslagenberichte "Alleinerziehende" und "Kinderreiche Familien" oder auch die Eckpunkte zur Seniorenpolitik.

Die zentralen familienpolitischen Herausforderungen der kommenden Jahre sind breit gestreut. Sie umfassen Themenbereiche wie die Lebensqualität für alle Familien in der Stadt, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, eine für Familien attraktive Infrastruktur, familiengerechtes und erschwingliches Wohnen, wohnortsnahe Arbeitsplätze oder auch den Zugang zu familiengerechten Bildungs- und Freizeitangeboten.

SWP