Wir wollen Neues ausprobieren

OTTO PAUL BURKHARDT 02.07.2016

Hand aufs Herz: Das Naturtheater Hayingen hat gloriose, aber auch wechselhafte Zeiten erlebt. Von Martin Schleker senior aufgebaut, in den 70ern dann von Martin Schleker junior übernommen, wurde es bald als das „Alb-Wunder“ gefeiert. Martin Schleker junior galt als „Brecht vom Lautertal“ – ihm gelang es immer wieder, klassische oder traditionelle Theaterstoffe in unnachahmlicher Art mit aktuellen, politischen und regionalen Themen aufzumischen. Wenn er etwa „Liabs Herrgöttle von Biberach“ inszenierte, konnte das Publikum sicher sein, dass es im Naturtheater auch den einen oder anderen „donderschlächtigen Rumpler“ tat, denn Seitenhiebe auf die gegenwärtige Politik waren immer mit eingebaut.

Martin Schleker jr. war in seiner aktiven Zeit vieles: Autor, Regisseur, Schauspieler (etwa am Staatstheater Stuttgart, am Landestheater Tübingen) und mehr – ein Gewicht in der Theaterwelt, und zwar weit über Hayingen hinaus. Und klar, der ganz besondere, kreativ-aufmüpfige Schlekersche Stil hat diese Freilichtbühne lange geprägt.

Danach folgte eine Zeit des Umbruchs, eine Zeit der wechselnden Handschriften und Regisseure: Hartmut Kirste, Isolde Alber, Peter Höfermayer, Jürg Schlachter. Jede(r) brachte einen eigenen Stil mit. Manche wollten am Naturtheater das Rad etwas zurückdrehen, andere wollten Neues probieren.

Und immer wieder spielte die halbe Stadt mit – ein Musterbeispiel dafür, wie sich bürgerschaftliches kulturelles Engagement weiter entwickeln kann. Derzeit ist ja viel von Partizipation und Bürgerbühnen die Rede: Am Naturtheater Hayingen ist vieles bereits Realität.

Mit dem neuen Regie- und Autorenduo  Silvie Marks und Johannes Schleker bietet sich eine doppelte Chance. Zunächst ist es mit Johannes Schleker möglich, die familiär geprägte Tradition des Naturtheaters wieder aufzugreifen. Viele Schlekers machen Theater: Bärbel Schleker (die Prenzlauer-Berg-Schwäbin), Martin Schleker junior-junior und Eva Schleker – sie alle sind irgendwie im Schauspielbereich tätig.

Gleichzeitig stehen Johannes Schleker und Silvie Marks – auch für Erneuerung. Für frischen Wind. Für die Sichtweisen einer jungen Generation. Für ein von anderen Lebenserfahrungen geprägtes, offenes Theater. Beide sind in Hildesheim aktiv, wo sie als freie Gruppe „marks & schleker“ arbeiten.

Mittlerweile ist unumstritten, dass Stadt- und Staatstheater gerade von freien Gruppen jede Menge innovativer Impulse erhalten haben. Auch eine Amateurbühne wie das Naturtheater Hayingen könnte sich diesen Einflüssen öffnen – und neben den beiden Hauptproduktionen (Kinder- und Erwachsenenstück) zusätzlich neue Spielformen und neue Formate entwickeln und anbieten. Zukunftsmusik? Vielleicht.

Kurz, dieser Wechsel birgt viele Möglichkeiten. Doch jetzt schauen wir erstmal, wie’s zugeht „Im wilden Südwesten“. Und wünschen uns in diesem Sinne, dass es am Naturtheater Hayingen auch weiterhin unruhig bleibt.

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