Erschöpft, aber glücklich“, war Jörg Mutschler nach seinen eigenen Worten am Sonntag nach vier Wochen Vesperkirche am Rande der Reutlinger Wilhelmstraße. Während draußen der Narrenzug am Gebäude vorbeitobte, betonte der Vesperkirchenpfarrer in dem Gotteshaus: „Wie gut, dass die Mauern so dick sind.“ Auch andere Mitglieder des Vesperkirchen-Leitungskreises äußerten sich ähnlich: Der Ablauf der vergangenen vier Wochen sei in diesem Jahr entspannt gewesen und die Stimmung gut – sowohl unter den Gästen wie auch unter den Helfenden, wie öfter zu hören war.

„Am Samstag saßen viele der Gäste da und hatten Tränen in den Augen“, berichtete Mutschler seine Beobachtungen angesichts des nahenden Endes der diesjährigen Vesperkirche. Einer der Besucher habe in den vergangenen vier Wochen in das Gästebuch geschrieben: „Wenn es doch die Vesperkirche das ganze Jahr gäbe.“

Allerdings fand sich laut Jörg Mutschler in dem „roten Buch“ auch ein Eintrag, der die Besucher des Gottesdienstes empörte: „Danke für das gute Essen, aber nächstes Jahr nur für Deutsche.“ Mutschler habe sich erlaubt, diesen Eintrag zu streichen, denn: „Wir sind alle Kinder Gottes“, betonte er.

Insgesamt hatten sich nach den Worten von Dr. Joachim Rückle dieses Jahr knapp 300 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den vier Wochen der Reutlinger Vesperkirche engagiert. Jeden Tag waren rund 20 Personen vor Ort, um die Gäste zu bedienen und die gesamte Organisation im Griff zu haben. „Und es gab 1400 Spender, die dafür gesorgt haben, dass auch in diesem Jahr die Vesperkirche wieder finanziert werden konnte“, so Rückle.

Laut Mutschler wurden durchschnittlich jeden Tag 380 Essen ausgegeben, „insgesamt während der vier Wochen waren das über 10 000“. Die vier Kulturveranstaltungen seien sehr unterschiedlich besucht worden: Gerhard Raffs „Schwäbischer Abend“ und „Tante Frieda“ hatten nach den Worten von Rückle sehr viele Besucher gesehen, „der Film in der ersten Woche eher nicht“. Und Dietlinde Ellsässer hatte krankheitsbedingt kurzfristig abgesagt. „Insgesamt war die Kultur eine gute Ergänzung der Vesperkirche“, so Joachim Rückle.

„Liebe Vesperianer“ habe einer der zahlreichen Gäste in das Mutschlers rotes Buch geschrieben. „Das gefällt mir“, sagte der Pfarrer während des Gottesdienstes. „Das klingt wie Marsianer, wie von einem anderen Stern – als ob die Vesperkirche eine Wärmezone in der kalten Wirklichkeit ist.“ Eberhard Renz sprach am Sonntag nicht zum ersten Mal in der Reutlinger Vesperkirche, er resümierte: „Sie haben jetzt vier anstrengende Wochen hinter sich, es waren aber auch 29 ungemein fröhliche Tage für die gesamte Vesperkirchen-Familie.“

In ganz Württemberg gebe es mittlerweile mehr als 30 Vesperkirchen, sie seien „ein Modell für viele Initiativen, aber auch ein Hinweis auf allzu viele Notsituationen im Land – die einige nicht sahen oder nicht sehen wollten“, so Renz. Den Kandidaten für den Chefsessel im Reutlinger Rathaus schrieb der ehemalige Bischof dann noch auf die Fahnen: „Wir sollten sie fragen, was sie denn dafür tun wollen, dass die Vesperkirche in Zukunft nicht mehr benötigt würde.“