Betzingen Wie kommen Gasthäuser zu ihren Namen?

Schiedwecken-Essen hat Tradition - immer am Mittwoch nach dem zweiten Fastensonntag. Foto: Norbert Leister
Schiedwecken-Essen hat Tradition - immer am Mittwoch nach dem zweiten Fastensonntag. Foto: Norbert Leister
NORBERT LEISTER 09.03.2012
Jeweils am Mittwoch nach dem zweiten Fastensonntag steht das Schiedwecken-Essen des Reutlinger Geschichtsvereins an. Kulinarisch wie kulturhistorisch wurde vorgestern wieder viel geboten.

Jedes Jahr wieder ist es eine organisatorische Meisterleistung, auf den Punkt genau in der Kemmlerh Blätterteigpasteten so zu servieren, dass 270 Besucher des Schiedwecken-Essens die köstliche Mahlzeit heiß genießen können. "Das ist heute wieder gelungen", lobte Stadtarchivar Dr Heinz Alfred Gemeinhardt. Bevor es jedoch dazu kam, sagte Dr. Wilhelm Borth zu den Mitgliedern des Geschichtsvereins und den Gästen: "Sie wissen ja - ohne Begrüßung keine Pastete."

Der Vereinsvorsitzende ging auf die Frage ein, "was denn ein guter Reutlinger ist". Aber: "Diese Frage wurde noch nicht gründlich erforscht." Obwohl ja ein gewisser Dekan Kalchenreuther zum Ende des 19. Jahrhunderts von sich gab, "es ist eine Schande aus Reutlingen zu stammen". Das gelte allerdings nicht für die Zugezogenen. "Derb und herb wie ihr Wein sind die Reutlinger", soll der Dekan gesagt haben. Wahrscheinlich studierte er in Tübingen, so Borth. Dann dürften solche Äußerungen einen Reutlinger nicht verwundern. Zentraler Punkt war aber wie gewohnt - neben dem Verzehr der wohlmundenden Pastete - ein kulturhistorischer Vortrag. Prof. Konrad Kunze aus Freiburg hatte diese Aufgabe übernommen und die Namen von Gasthäusern untersucht. "Sensationell" nannte er die Ergebnisse - die Zuhörer konnten zumindest vermuten, dass er dabei mit den Augen zwinkerte. Als erstaunlich erwiesen sich seine Erkenntnisse unter dem Titel "Von Löwen, Ochsen und Waldhörnern" aber allemal, denn: Die Verbreitung der Namen von Gasthäusern lasse sich regional stark eingrenzen. So sei das Gasthaus Kreuz in der Schweiz der meist verbreitete Name, während in deutschen Landen die Linde der Favorit sei. Warum aber trugen und tragen Gaststätten überhaupt Namen? Laut Kunze sei das auf das Mittelalter zurückzuführen, als in vielen Regionen des heutigen Deutschland jedes Haus Namen erhielt.

Im Lauf der Jahrhunderte wurde das jedoch durch Hausnummern abgelöst. Nur nicht bei Gasthäusern und Apotheken. Vermutet wurde einst, dass die Benennung der Gasthäuser auf die Bibel zurückgehe. Kunze jedoch ist anderer Ansicht: Wenn die Namensgebung von Gasthöfen tatsächlich auf die Symbole der vier Evangelisten - Adler, Engel, Löwe und Stier - zurückgehen würde, dann müsste die Verteilung der Namen eigentlich auch gleichmäßig wiederzufinden sein, so seine These. Bei seinen Nachforschungen fand der Professor aber keine Bestätigung. Stattdessen realisierte er, dass besonders im südwestdeutschen Raum das Lamm sehr gebräuchlich sei, ebenso wie die Traube, der Rebstock oder auch das Rössle. Der Rappen in Reutlingen sei hingegen kein Pferd, sondern ein verkappter Rabe.

In anderen Regionen würden die Kneipen und Gasthäuser hingegen zumeist durch das Anhängen -stube charakterisiert. In Norddeutschland heiße die Kneipe oft Bierstube. In Sachsen laute die Endung -stubel, in Bayern -stüberl, während in Baden-Württemberg solche Einrichtungen natürlich zum -stüble werden. Im Norden werde auch gerne ein -krug angehängt. "Das kommt aber nicht vom Krug, sondern vom Kragen - in den man was rein gießt", so Kunze.