Reutlingen Wie Google Earth, nur im richtigen Leben

Der Korb ist bestückt, es laufen die letzten Vorbereitungen, bevor die Ballonfahrt starten kann.
Der Korb ist bestückt, es laufen die letzten Vorbereitungen, bevor die Ballonfahrt starten kann.
ANNE LEIPOLD 10.03.2012
Sie sind die holde Fee und der Ritter der Lüfte. Auf große Fahrt begaben sich die Sechstklässler Friederike und Mert mit dem großen Heißluftballon und erlebten dabei, wie klein die große Welt sein kann.

Die Baumwipfel sind zum Greifen nah. Die Häuser und Autos sind auf Spielzeuggröße zusammengeschrumpft. Menschen laufen aus dem Haus, sehen staunend gen Himmel und winken aufgeregt. Kinder kreischen vor Vergnügen, Katzen flüchten bei dem lauten Geräusch, wenn der Ballon wieder an Höhe gewinnen soll. Rund 1000 Meter schwebt der Ballon über dem festen Boden, die Höhenangst aber scheint wie verflogen. Sanft fährt der Ballon über die Landschaft, kaum ein Luftzug berührt die Gäste im Korb.

Mit ein bisschen Bauchkribbeln ist Friederike in den Korb des Heißluftballons gestiegen. Zum ersten Mal geht es für sie auf diese Weise hoch in die Luft. Anfangs hat sie begeistert zugestimmt, als ihr Lehrer Ewald Walker sie für die Fahrt vorschlug. Doch je näher der Start rückte, um so mulmiger wurde ihr zumute, räumt sie zögerlich ein.

Premiere ist diese Fahrt aber auch für Mert. Die anfängliche Aufregung hat sich nun auch bei ihm gelegt. "Ich dachte, es wäre schlimmer", sagt er mit Blick auf die Entfernung zum festen Boden. "Wenn man so schaut und die Aussicht genießt, geht das mit der Höhe." Die Digitalkamera haben beide Sechstklässler fest in der Hand, den Blick fasziniert auf das Display geheftet. Die Aussicht wird in regelmäßigen Abständen per Knopfdruck digital festgehalten.

Seine Schwester sei ein bisschen neidisch gewesen, sagt Mert. Aber sein Papa hat ihn schließlich doch fahren lassen, aber erst nachdem er ihm das Versprechen abgenommen hat, auf sich aufzupassen und nicht herunterzufallen.

Er erzählt, dass der Bau seines Ballons in der Gruppe zwar mit kleinen Krisen verbunden gewesen wäre und so richtig gestartet sei der Ballon auch nicht. Dennoch ist er stolz auf das Ergebnis. "Ich kann von mir behaupten, einen eigenen Ballon gebaut zu haben, der ein paar Sekunden ohne menschliche Hilfe gefahren ist", sagt Mert mit einem Lächeln auf den Lippen. Gelernt hat er dabei natürlich auch etwas, nämlich wie ein Heißluftballon gebaut wird und es Ballonfahren heißt, da der Begriff von der Schifffahrt herrührt. Dass damit auch zugleich noch etwas Gutes für Kinder getan wird, ist für ihn eine gute Sache, schließlich haben sie viel Geld eingenommen.

Friederike hat für sich gelernt, wie viel mehr Spaß die Arbeit in der Gruppe macht, und war überrascht, dass der Ballon besser aufsteigt, wenn die Luft draußen kalt ist. Ihren eigenen Ballon hat sie nicht aufsteigen lassen können, dazu hat die Zeit nicht mehr gereicht. Aber die Fahrt mit dem Heißluftballon würde das entschädigen.

Immer wieder kehrt in das Gespräch Stille ein. Die Umgebung wird gemustert, ab und an gewunken und ein "Hallo" den staunenden Menschen unten zugerufen. "Das ist wie Google Earth, nur im richtigen Leben", stellt Mert schließlich staunend fest.

Inzwischen hat der Ballon neun Kilometer in der Luft zurückgelegt. Ballonfahrer Manfred Beck sucht nach einer Landemöglichkeit. Er hält nach einer Mulde mit trockenem Boden Ausschau. Mit viel Gefühl und Erfahrung manövriert er durch die Luft, der Korb liegt ruhig, kein einziges Wackeln oder Ruckeln hat die Gäste bislang erschüttert. Nach einigen vergeblichen Landeversuchen aber ist ein Feld gefunden, über das die Luft nicht zu schnell weht, keine Strommasten im Weg stehen oder der Boden nicht mit Gülle getränkt ist.

Zwölf Kilometer in der Luft liegen nun hinter dem Ballon, hinter Stockach geht er langsam zu Boden. Und jetzt erwischt den Korb der erste kräftige Ruck, er schleift über den Boden und im Korb purzeln alle durcheinander. Der Korb neigt sich immer stärker nach vorne, bis er schließlich umkippt. Weh getan hat sich keiner, und die Gesichter der Mitfahrer strahlen Freude und Zufriedenheit aus, nachdem sie aus dem Korb geklettert sind. Tief durchatmen und dann ist kräftig anpacken angesagt, denn "Ballonfahren ist eine gemeinsame Aktivität", sagt Beck. Die Ballonhülle muss zusammengepackt, der Korb in den Anhänger des Verfolgerautos verfrachtet werden. Zur Belohnung gibt es Cola und Fanta.

Die frische Luft und das Einpacken haben müde gemacht. Aber noch ist es nicht vorbei, das Schönste kommt zum Schluss: Friederike, Mert und Siegward Lingenheil, stellvertretender Schulleiter des BZN-Gymnasiums, werden von Beck getauft und zugleich geadelt. Eine kleine Strähne wird angezündet - so weit das bei dem Wind möglich war - und sofort mit Wasser gelöscht. Feierlich wird der Eid gesprochen und nun ist Friederike Prinzessin, "holde Fee der Lüfte über den Feldern zu Wankheim". Mert trägt künftig den Prinzentitel, "Ritter der Lüfte hoch im Ballon zu Wannweil". Lingenheil wurde in den Stand des Großfürsten erhoben und ist fortan "Herrscher der Lüfte überm BZN hoch im Ballon bis Stockach". Den Platz für die dazugehörige Urkunde haben Mert und Friederike bereits gefunden: ihren Urkundenordner.