Im Reutlinger Programmkino Kamino gibt es am Sonntag, 2. April, um 11.15 Uhr eine Film-Matinee: Gezeigt wird der Autorenfilm „Das zweite Trauma – das ungesühnte Massaker von Sant’Anna di Stazzema“ von Jürgen Weber, der anwesend ist und für ein Publikumsgespräch zur Verfügung steht. Der Film nimmt dokumentiert die Geschichte eines SS-Massakers im Zweiten Weltkrieg. Im nordtoskanischen Bergdorf Sant’Anna di Stazzema wurden im Sommer 1944 rund 560 Zivilisten, überwiegend Frauen und Kinder, von Einheiten der Waffen-SS teils unvorstellbar grausam umgebracht. 2015 wurde das Verfahren gegen den letzten noch lebenden Kriegsverbrecher dieses Massakers in Deutschland eingestellt. Die Reutlinger Erstaufführung des Films wird Carla Kurz (Carmen Sylva Kurz) gewidmet. Sie war die Urenkelin des in Reutlingen geborenen Schriftstellers Hermann Kurz. Sie wurde am 12. August 1944 bei dem Massaker von Sant‘Anna di Stazzema von Männern der Waffen-SS ermordet.

In Film zeichnet Weber historische und juristische Sachverhalte nach. Der Film lässt aber auch den Erinnerungen und Emotionen der Überlebenden Raum, die allesamt damals als Kinder buchstäblich den Leichenbergen als Waisen entstiegen sind, heißt es in der Ankündigung. Auf das erste Trauma folgte das der in Italien verspäteten, in Deutschland verhinderten juristischen Aufarbeitung. Die Opfer wollen keine alten Männer im Gefängnis sehen. Nicht Rache wollten sie, sondern die Anerkennung des Unrechts– auch und gerade von offizieller deutscher Seite. „Das zweite Trauma“ – das sind über Jahrzehnte versteckte Ermittlungsakten in Italien. Ein von deutschen Behörden verschlepptes Ermittlungsverfahren. Eine Einstellungsbegründung der Staatsanwaltschaft Stuttgart, welche die Grausamkeit und die niedrigen Beweggründe der Täter als Mordmerkmal nicht erkennen wollte. Der Film bewahrt eines der letzten Zeugnisse von NS-Verbrechen und ist eine schonungslose Aufklärung über ein lang verdrängtes Kapitel deutsch-italienischer Realität.

Weber ist Journalist, Autor und Regisseur. Zum Thema deutsche Besatzung in Italien, Widerstand und Partisanenkampf arbeitet er schon seit über 20 Jahren. Veranstalter sind die „An-Stifter-Initiative Sant‘Anna“ Stuttgart, das Kamino, der GEW Kreisverband Tübingen-Reutlingen und die Deutsch-Italienische Gesellschaft Reutlingen.