Reutlingen Wie die Säulen der griechischen Antike Ausstellung der Stiftung für konkrete Kunst

Streng geometrisch, mit antikem Flair: Arbeit von Christian Wulffen.
Streng geometrisch, mit antikem Flair: Arbeit von Christian Wulffen. © Foto: pr/Stiftung
Reutlingen / SWP 27.01.2016
Reihenwerke und serielle Arbeiten entstanden oft im Kontext der Moderne. Hierher gehört auch Christian Wulffen. Von ihm zeigt die Stiftung für konkrete Kunst eine aktuelle Werkübersicht noch bis 13. Februar.

"Blatt 1300/1000/16" - derart lapidare, vermeintlich exakte Werktitel sind typisch für Christian Wulffen. Ebenso typisch ist allerdings, dass diese Titel mit ihren einfachen Wörtern und Zahlenfolgen nicht so eindeutig sind, wie sie klingen. Im aktuellen Fall wird zwar das Format (1300 Mal 1000 Millimeter und das "Bildmotiv" der Arbeit (16 Linien) genannt, aber andere, ebenso wichtige Fakten werden verschwiegen: Es handelt sich nicht, wie der Titel suggeriert, um 1 Blatt, sondern um 100 Blätter, und diese bestehen nicht aus Papier, sondern aus transparenter Folie.

Ausgestellt sind also 100 Folienblätter, jedes im Format 130 Mal 100 Zentimeter, jedes mit sechzehn 1,9 Zentimeter breiten, schwarzen, im Siebdruckverfahren aufgedruckten, horizontalen Streifen markiert, eine Serie, ein Reihenwerk.

Reihenwerke oder serielle Arbeiten sind auch ein Phänomen der Moderne, sie entstanden und entstehen vor allem im Kontext der konkreten und konstruktiven Kunst. Ihr Prinzip ist die Addition und Kombination gleichartiger oder variabler Elemente, die einer bestimmten Regel folgend, ein System ergeben.

Reihenwerke, und daher der obne genannte Untertitel der Ausstellung, sind auch ein wesentliches Kennzeichen der Kunstsammlung der Stiftung für konkrete Kunst. Von Beginn an wurde dieses Sammlungskonzept konsequent verfolgt, zahlreiche Arbeiten wurden speziell für die Räume der Stiftung geschaffen.

Werke von Bernard Aubertin, Hartmut Böhm, François Morellet, Aurelie Nemours oder Anton Stankowski, um nur einige zu nennen, wurden in den vergangenen Jahren in immer wieder unterschiedlichen Präsentationsformen gezeigt. Auch die Arbeit von Christian Wulffen war 2005 im Dachgeschoss schon einmal zu sehen, wenn auch nur für kurze Zeit. Für die aktuelle Ausstellung, in der offenen Hallen-Architektur des zweiten Obergeschosses, wurde eine andere Art der Präsentation gewählt.

Ein Serienelement besteht nun aus zwei übereinander gehängten Folienteilen, die in großem Abstand (je nach Wandlänge differieren die Zwischenräume) über die zwölf Wände verteilt sind. Der Gegensatz zwischen den horizontalen Streifenmustern und der Vertikalität ihrer Anordnung erzeugt Spannung. Der Wechsel von Schwarz-Weiß-Struktur und Leere rhythmisiert den gesamten Raum.

Assoziationen sind erlaubt, bis hin zu den Säulenordnungen antiker griechischer Architektur. Erinnerung ist ebenfalls erlaubt. Und aus diesem Grund findet der Besucher an den Stellen, an denen sich üblicherweise die Bildetiketten befinden, nämlich an den Stirnseiten der Wände, kleine Papiere mit Abbildungen früher Werke des Künstlers, lose Blätter aus dem Buch Stand, das 1997 anläßlich einer Ausstellung im Städtischen Kunstmuseum Singen publiziert wurde.

"Blatt 1300/1000/16" - so also heißt nicht nur der Titel, sondern auch das Werk - ist typisch für Christian Wulffen. Dem Künstler (Jahrgang 1954), der heute als Professor in Cleveland (Ohio) lehrt, geht um Vermessung, Teilung, Beziehung und Grenze. Es geht darum, die Teile zu einem Ganzen zu verbinden, um Beziehungen zu schaffen, um Grenzen offenzuhalten und um die Veränderbarkeit von Strukturen und scheinbar geschlossenen Systemen aufzuzeigen.

Parallel zu dieser Ausstellung zeigt die Stiftung im Dachgeschoss unter dem Titel Kabinettstücke Werke aus der Sammlung Gabriele Kübler (wir berichteten).

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