Die Rialto-Brücke war ein beliebtes Motiv des Werbegrafikers und Künstlers Carolus Horn. Anhand dieses Bildes zeigt sich besonders eindrucksvoll, wie die Erkrankung Alzheimer Demenz die Wahrnehmung verändert. Ist das erste Bild von 1978 eine detaillierte, präzise, perspektivische Bleistiftzeichnung, wirkt es bereits zwei Jahre später düster und unproportioniert. Mit fortschreitender Erkrankung ändert sich die Darstellung immer deutlicher. Zuletzt wirkt das Motiv 1988 wie eine grobe, kindliche Darstellung ohne Tiefe und Perspektive in grellgelber Farbgebung. "Er malt nur, was er in der Erinnerung, was er im Gefühl hat", erklärt Erhard Sting, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Sein Fachvortrag zur Eröffnung der Ausstellung "Wie aus Wolken Spiegeleier werden" in der gut besuchten Kundenhalle der Pfullinger Kreissparkasse beschäftigte sich mit den Chancen und Risiken des Alters sowie der veränderten Wahrnehmung Horns. "Die Bilder werden nicht schlechter oder weniger wertvoll, sondern einfach anders."

Werbeslogans wie "Nur fliegen ist schöner" oder "Es gibt viel zu tun. Packen wirs an" stammen aus Carolus Horns Feder, ebenso mit dem Pinsel gemalte fotorealistische Darstellungen, die selbst heute mit der Digitalkamera so nicht festzuhalten seien, wie Grafiker anerkennen. Mit 60 Jahren erkrankt der 1921 geborene Künstler an Alzheimer, zu einer Zeit, in der die Krankheit kaum erforscht ist. Eines bleibt ihm über die Krankheit hinweg bis zu seinem Tod: Pinsel und Farbe. Er malt bis zum Schluss und hinterlässt eine einmalige Art der Dokumentation seines Krankheitsverlaufs. Die Ausstellung zeigt die Werke geordnet nach gesunder Zeit bis 1981, die leichte Demenz bis 1986 sowie die Phase schwerer Demenz von 1988 bis 1992.

Statt Perspektive, Detailgenauigkeit und Tiefe dominieren kräftige Farben und grobe Striche seine Bilder. Aus grauen plastischen Wolken werden weiße umrandete Kreise mit einem roten Punkt in der Mitte - Spiegeleier. Die Gesichter werden grob, Häuser immer schematischer dargestellt, die Formen zerfallen bis er zuletzt kurz vor seinem Tod nur noch grafische Strichelungen zu Papier bringen konnte.

Sting erkennt in Horns Schaffen, dass der Künstler ein abgerundetes Leben hatte. Erst das Alterswerk habe ihn bekannt gemacht und einen kunsthistorischen Einfluss genommen. Aber es zeige auch, dass Alzheimer-Erkrankte begleitet werden müssen, solange der Körper noch vital ist. Das Alter mit seinen Mängeln und Defiziten nicht abwehren, sondern es annehmen und die Schönheit und Reife des Lebens wahrnehmen, diesen Rat gibt er den Besuchern mit. Hartmut Seeger, Sprecher der Pfullinger Stiftung "Zeit für Menschen", die zusammen mit der Samariterstiftung zur Ausstellung lud, hofft, dass die Schau ermutigt, mit Demenz offener und ehrlicher umzugehen. "Es ist eine einmalige Geschichte, die verschiedenen Stadien der Demenz anhand der Bilder des Künstlers zu zeigen", sagt Christine Klein vom Samariterstift. Ein stückweit erschreckend findet Besucherin Vincenza Harken den Verfall und andererseits beeindruckend, es aus der Perspektive des Erkrankten nachvollziehen zu können: "Es steckt unheimlich viel Kraft dahinter."

Info Die Ausstellung ist bis 29. Juni in der Kundenhalle der Pfullinger Kreissparkasse zu sehen.