Reutlingen Wie beim Elfmeterschießen gegen den Kopf getreten

Von Norbert Leister 13.01.2018

Es passte so einiges nicht, was die beiden Angeklagten am Freitag vor dem Landgericht in Tübingen von sich gaben. So behauptete der Ältere der beiden, sein Freund habe dem bereits am Boden liegenden Opfer am 18. Juni vergangenen Jahres an einer Bushaltestelle in der Nähe einer Reutlinger Diskothek nicht gegen den Kopf getreten. Der 21-jährige Täter selbst hingegen meinte, er könne sich nicht mehr erinnern, glaube aber, den jungen Mann nicht getreten zu haben.

Dieser Darstellung jedoch widersprachen gleich mehrere Zeugen, die das Geschehen an diesem frühen Morgen gegen 4.30 Uhr gesehen hatten. Mehrfach hätten Beobachter ausgesagt, dass der Angeklagte „gegen den Kopf des Opfers getreten hat wie beim Elfmeterschießen gegen den Ball“, betonte der ermittelnde Kriminalhauptkommissar gestern vor der 3. Großen Jugendkammer des Landgerichts.

Doch damit nicht genug: Wie der Hauptangeklagte selbst eingestand, habe er sich zuvor auf den Brustkorb des Opfers gesetzt, dessen Hände fixiert und ihm immer wieder mit der Faust ins Gesicht geschlagen. „Ich weiß nicht, warum ich das getan habe, ich war außer mir“, sagte der 21-Jährige. Selbst als das Opfer schon bewusstlos war, habe er weiter zugeschlagen. Während dieses Vorgangs soll der 22-jährige Freund des Täters den Kumpel des Geschlagenen zurückgehalten und damit verhindert haben, dass der zur Hilfe kommen konnte. „Ich habe ihm auch einen Faustschlag ins Gesicht gegeben“, so der 22-Jährige. Erst als ein Mädchen zu der Bushaltestelle in der Emil-Adolf-Straße gerannt kam, sie geschrien und geheult habe, hätten er und sein Kumpel sich davongemacht.

Zwar hatte der Haupttäter zu Beginn seiner Aussage gesagt: „Ich will mich entschuldigen, ich wollte niemanden töten.“ Ansonsten wollte er sich genauso wie der mitangeklagte Freund oft nicht mehr an das Geschehen erinnern.

Oder es tauchten plötzlich ganz neue Aspekte auf: Zu dem Sixpack Bier, das die beiden vor dem Besuch der Disko getrunken haben wollen, kam plötzlich noch eine Flasche Gin hinzu. „Die hatte ich ganz vergessen, ist mir erst vor ein paar Wochen wieder eingefallen“, so der 21-Jährige.  „Wie aus heiterem Himmel kommt jetzt auf einmal der Gin daher, die Geschichte klingt doch sehr zurechtgelegt“, sagte der Vorsitzende Richter Armin Ernst dazu.

Und warum der Angeklagte das Opfer zusammengeschlagen habe? „Ich wurde von ihm zuerst angegriffen“, sagte der 21-Jährige. Warum wisse er nicht. Der vermeintliche Angreifer habe ihn nicht nur geschlagen, sondern auch gewürgt, der eigentliche ­Täter sei zu Boden gefallen und ganz plötzlich saß er dann auf dem Opfer. Der Kommissar hatte eine andere Möglichkeit gesehen, warum es überhaupt zu der Schlägerei kam: Schon vor diesem fast tödlich geendeten Disput habe es – wie aus den Video-Aufzeichnungen der Diskothek zu erkennen war – bereits drei kleinere Rangeleien gegeben. Beim ersten Mal habe ein bislang Unbekannter dem nun Angeklagten auf der Tanzfläche einen Faustschlag versetzt. Vor der Disko habe der 21-Jährige erneut einen Schlag abbekommen.

Ob der darauffolgende Ausraster des jungen Mannes einer reinen Verwechslung zugrunde lag? Zumindest stellte der Polizeibeamte diese Mutmaßung an. Denn auf der Tanzfläche hatte eine Arbeitskollegin den jungen Mann erkannt, sie hätten miteinander gesprochen, kurz darauf sind der 21-Jährige und sein Kumpel aus der Disko gewiesen worden. „Wie aus dem Nichts heraus“, sagte der 22-Jährige.

Als kurz darauf die beiden sehr betrunkenen, späteren Opfer ebenfalls die Lokalität verließen und nichtsahnend zur Bushaltestelle liefen, hätten die Täter vielleicht in einem der Herannahenden den Freund der Arbeitskollegin vermutet. Und der sei, so die weitere Vermutung weiter, wohl für den Rauswurf verantwortlich gewesen. Und er kam nur mit ganz viel Glück mit dem Leben davon.

„Wir bewegen uns hier in einem erheblichen Strafrahmen, in dem ein Geständnis einige Bedeutung zukommen würde“, hatte Richter Ernst am Freitag, dem ersten Verhandlungstag, betont. Denn: Beide Angeklagten sind einschlägig vorbestraft. Der 21- und der 22-Jährige standen zum Zeitpunkt der Tat unter Bewährung.