Reutlingen Wer ist er und wenn ja, wie viele?

Theateroffensive: Matthias Brandt (Foto) und Jens Thomas gastierten mit "Psycho" in der Stadthalle.
Theateroffensive: Matthias Brandt (Foto) und Jens Thomas gastierten mit "Psycho" in der Stadthalle. © Foto: Kathrin Kipp
Reutlingen / KATHRIN KIPP 19.01.2015
On the Highway to Hell: Das Psycho-Duo Matthias Brandt und Jens Thomas unterlegt seinen Gruselabend mit balladesken AC/DC-Knallern - eine psychedelische Mischung in der Reutlinger Theateroffensive.

Der legendäre Psychokiller Norman Bates bringt in seinem Motel Leute um, vorzugsweise attraktive Damen unter der Brause, was zur wohl bekanntesten Duschszene der Filmgeschichte geführt hat. Auch Matthias Brandt spielt in seiner Psycho-Lesung in vorwegnehmender Paniklust immer wieder auf diese Szene an, auch wenn seine kleine Horrorsause weniger mit Hitchcocks Verfilmung, sondern mehr mit der Romanvorlage von Robert Bloch zu tun hat, aus der er die anfänglichen Psycho- und Mordszenen herausgreift, sich dann aber ein paar Leichen spart, um am Ende zügig zur Auflösung des Falls zu kommen.

Pianist und Sänger Jens Thomas stürzt sich auf die AC/DC-Heuler wie Bates auf seine Opfer, schlachtet und zerfleddert sie auf seinem Flügel und macht aus ihnen ganz frech sentimentale, sakrale und romantische Schmachtballaden. "Hells Bells" und "Highway To Hell" als Mischung aus Oper, Aggressionpop und Singersongwriterschlonz. Nur bei der blutigen Duschszene mündet das abgründige "Touch Too Much" in ein akustisches Stakkato-Inferno, bei dem Brandt eifrig mithackt und mitröchelt.

Die Begründung für die eigenwillige Musikauswahl liefern die beiden Thrillperformer bei der vom Publikum heftigst herbeigeklatschten Zugabe: In Bates legendärem "Obstkeller" habe man nicht nur die ausgestopfte Mama gefunden, sondern auch dessen "Musikarchiv". Er sei auch der eigentliche Schöpfer der AC/DC-Höllenmusik und habe die Rockklassiker "unter Pseudonym" veröffentlicht. Fest steht: Nicht nur Bates, auch die australischen Schockrocker haben nicht mehr alle Tassen im Schrank, was also liegt näher, als sie gemeinsam auf die Bühne zu bringen?

Wobei Norman Bates der eindeutig schlimmere Typ ist: Während die australische Rockband ihre teuflischen Aggressionen durchs musikalische Ventil rauslassen, kann er bekanntlich nicht so richtig aus sich raus, auch wenn er zu zweit ist. Das konfliktbeladene Verhältnis zu seiner Mutter hat er so weit internalisiert, dass er sie nicht nur killt, fleddert und ausstopft, sondern auch noch in ihrem Namen andere Leute abschlachtet.

Ein wenig seltsam kommt die von Robert Bloch beschriebene Innenansicht des multiplen Killers aber schon daher: Einerseits nehmen seine verschiedenen Persönlichkeiten Kontakt miteinander auf und unterhalten sich ganz unselig miteinander, andererseits kann sich das Norman-Ich an die Gräueltaten seines Mutter-Ichs nicht so recht erinnern und nimmt sie offenbar nur als eine Art Traumerinnerung wahr, bei der sich auch noch das Raum-Zeit-Kontinuum verschiebt. Sei's drum, ist ja nur Literatur und kein Wikipedia-Artikel.

Matthias Brandt und Jens Thomas machen aus dem Text jedenfalls furioses Kopfkino: Schweigen, Abgrund, Urschrei, Schreck, Grusel, Splatter, Blut, Spritz, abgehackter Kopf - alles inklusive. Thomas fabriziert und improvisiert dazu einen eher unkonventionellen Soundtrack, als wolle er das Schöne am Horror betonen. Er besingt den Thriller in den allerhöchsten und allerschönsten Tönen, balladet vor sich hin, verbreitet sphärische, magische, schräge oder romantische Stimmung und gibt sich meistens alles andere als gruselig. Dafür wird der Kontrast zu seinen experimentellen Phasen umso gewaltiger, dann etwa, wenn er nur noch blubbert, hechelt, brummt, singelsangelt oder lechzt, sich wie Norman in seine Wahnsinnsattacken hineinsteigert oder fast in den Flügel hineinklettert, um auf den Saiten herumzuhacken. Brandt ist als Leser mindestens genau so rollenvariabel wie sein stimmungsschwankender Protagonist und wechselt munter zwischen dem schüchtern verdrucksten Norman, dem sentimentalen Norman, dem impotenten Frauenhasser Norman und dem neurotischen Mutterbeschützer hin und her, mal ganz vernünftig, mal rasend psychopathisch, mal sexuell aufgeplustert: "TNT - I'm Dynamite". Bis man am Ende gar nicht mehr weiß: Wer ist er und wenn ja, wie viele? Mutti ist natürlich ein keifiges, kreischiges, herrschsüchtiges Monster. Aber das Gruseligste an beiden ist die üble Lache, Brandt setzt sie in allen Farben und Variationen ein, da braucht's eigentlich gar keine Duschszene, da rinnt es einem schon so kalt den Rücken hinab. Das Publikum jedenfalls findet's super.