Reutlingen / Carola Eissler  Uhr

An diesem Wochenende werden hohe Festtage von Christen und Juden gefeiert. Die einen feiern mit Ostern die Auferstehung von Jesus Christus, der nach christlichem Glauben drei Tage zuvor am Kreuz für die Sünden der Welt starb. Die anderen erinnern mit Pessach an die Befreiung aus der ägyptischen Sklaverei, aus der nach jüdischem Glauben Gott selbst sein Volk geführt hat. Beide Feste drücken die Freude darüber aus, dass Gott befreit. „Die Geschichten des Auszugs und der Befreiung werden vor allem den Kindern erzählt“, sagt David Holinstat von der Repräsentanz der IRGW (Israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg) in Stuttgart, zu der auch die jüdische Gemeinde in Reutlingen gehört. „Es ist ein fröhliches Fest.“

Schon vor Tagen haben sich die Mitglieder der jüdischen Gemeinde in Reutlingen mit den wichtigsten Lebensmitteln für das Pessachfest eingedeckt. In der Lederstraße wurden die Matzen verkauft, das Brot, das gemäß Gottes Gebot und der Überlieferung der Thora ohne Triebmittel gebacken wird und daher an Knäckebrot erinnert. Pessach wird deshalb auch das Fest der ungesäuerten Brote genannt. Über die Feiertage wird kein anderes Brot gegessen. Und dann kauft man noch Matza-Mehl, „Gefilte Fisch“, Bitterkräuter, Apfelmus und koscheren Wein. Das alles brauchen die Juden für ihr Fest, auch die rund 120 Mitglieder der jüdischen Gemeinde in Reutlingen. 2003 wurde das kleine Gemeindezentrum eingeweiht. Dass seit einigen Jahren wieder ein Matzen-Verkauf in Reutlingen stattfindet zeigt: Es gibt ein lebendiges jüdisches Leben in der Achalmstadt.

Jüdische Feste beginnen stets am Vorabend. Gestern Abend war also Auftakt des Pessach mit dem so genannten Seder-Abend, einem Gottesdienst in den Familien oder der Gemeinde mit symbolischen Speisen und Lesungen. Und natürlich einem Festmahl, was nicht fehlen darf. Seder bedeute Ordnung, erklärt Holinstat. Was darauf hinweist, dass der Seder-Abend nach einer festgelegten Ordnung abläuft.

Es ist zwar kein Zufall, dass Ostern sich an Pessach ausrichtet, aber höchst selten, dass wie in diesem Jahr der Pessach-Vorabend auf Karfreitag fällt. Ganz so, wie es der Evangelist Johannes berichtet, wenn er in Johannes 19 Vers 31 von der Kreuzigung am Vorabend des Pessach spricht.

Es ist ein ganz besonderes Wochenende, das Christen und Juden in diesen Tagen feiern. Zwei Feste, die beide den Lauf der Welt geprägt haben.

Kleines Gemeindezentrum

Seit den 1990er-Jahren zogen vor allem aus den ehemaligen GUS-Staaten jüdische Familien wieder nach Reutlingen. Zunächst trafen sich die Gemeindeglieder in einem Hotel der Stadt. 2003 konnte ein Gemeindezentrum eingerichtet werden.