Event Wenn Menschen durch die Lüfte fliegen

Von Jürgen Spieß 22.12.2017

Hier wird noch guter alter Zirkus präsentiert – mit viel Anmut, Humor und Nervenkitzel: Am Freitagnachmittag fand vor gut 700 Gästen die Premiere des 15. Reutlinger Weihnachtscircus auf dem Kreuzeiche-Parkplatz statt. 17 Tage lang heißt es nun wieder täglich „Manage frei!“, wenn insgesamt 25 Artisten in 34 Vorstellungen Zirkus auf hohem Niveau zeigen.

Rollschuhartistik auf einer winzig-kleinen Plattform. Eine schöne Frau, die ihre Glieder verbiegt und zehn Meter über den Köpfen des Publikums an einem Kronleuchter herumturnt. Mutige Motorradfahrer, die mit ihren Maschinen kreuz und quer durch eine enge Metallgitterkugel rasen. Eine junge Frau, die mit ihren Füßen blitzschnell Gegenstände durch die Luft wirbelt oder ein Bauchredner, der sich mit seinem kleinen Drachen Luigi in mehreren Sprachen unterhält. Neben Akrobatik, Jonglierkunst und Ballett-Tanz geht es beim diesjährigen Weihnachtscircus auch um zum Teil spektakuläre Tierdressuren, etwa mit einem kommunizierenden Pferd, mit kleinen gelehrigen Hunden, Tango tanzenden und Trompete spielenden Seelöwen oder intelligenten Kakadus und Papageien.

Der zum vierten Mal engagierte Regisseur Massimiliano Sblattero aus Italien setzt weniger auf modischen Schnickschnack mit Hightech-Akrobatik und künstlicher Show als vielmehr auf Humor und sympathische Artisten. Auch diesmal werden einige Nummern auf dem Circusfestival von Monte Carlo beste Aussichten auf einen Preis haben. Nicht weniger als vier von 16 Nummern des Weihnachtscircus werden im Januar an dem weltbesten Circusfestival teilnehmen. Die Artisten kommen aus Italien, aber auch aus Frankreich, Tschechien, Österreich, der Ukraine, aus Afrika, Argentinien und Brasilien.

Nicht nur beim Publikum ist die Begeisterung für den Weihnachtscircus ungebrochen, auch bei den Gomaringer Zirkusdirektoren Andrea und Michael Sperlich, dem Regisseur Massimiliano Sblattero, den vielen Helfern hinter den Kulissen und den 25 Artisten aus unterschiedlichen Nationen und Kulturen.

Die Show startet mit dem Auftritt von vier Ballett-Tänzerinnen, die in knapper Weihnachtsmontur und samt singender Nikoläusin im leise rieselnden Kunstschnee tanzen. Danach geht es Schlag auf Schlag: Die sechs „Zim Boys“ aus Afrika verdrehen und verbiegen ihre Körper unter brennenden Flammen, kombinieren blitzschnelle Jonglage mit Hand- und Kopfständen oder bilden außergewöhnliche Menschenpyramiden. Das alles geht so rasend schnell, dass dem Publikum gar nicht auffällt, dass einer der Darsteller mit dem Fuß umgeknickt ist. Spektakulär auch die Hulla-Hoop-Darbietung der Italienerin Priscilla Errani, die mit vollem Körpereinsatz bis zu dreißig Reifen auf einmal um ihren Körper tanzen lässt.

Staunen kann man nur über das intelligente Pferd der Österreicherin Rosie Hochegger, denn das kann sich nicht nur auf eine Bettkante setzen, sondern auch gleich ins Bett legen und eigenhufig die Bettdecke über den Kopf ziehen. Dass nervenzerfetzende Nummern einen Teil der Faszination Zirkus ausmachen, beweisen die Motorradfahrer der Truppe Nogueira in ihrem metallenen „Globe of Death“ und Marco Moressa, der mit Messern und einer Armbrust auf seine Lebensgefährtin Priscilla Errani zielt. Nicht nur Marco hat sich diese Kunst perfekt angeeignet, auch Priscilla selbst verfehlt mit der Armbrust ihren Lebensgefährten nur um Millimeter, während ihr Gesicht ausdrückt, völlig unvorbereitet gewesen zu sein.

Natürlich darf der Humor nicht zu kurz kommen, Zirkus muss schließlich ein Fest für die ganze Familie sein. Der Italiener Paolo Ernesto ist nicht nur ein außergewöhnlicher Rollschuh-Artist, er präsentiert sich auch als klassischer Clown, von denen es leider immer weniger gibt. Fazit: Beim Reutlinger Weihnachtscircus wird zweifellos mehr geboten als nur Feuerspucken und Raubkatzen, die durch brennende Reifen springen.

PETA kritisiert Stadt

PETA übt Kritik an der tierschutzwidrigen Veranstaltung des Weihnachtszirkus mit exotischen Wildtieren. Die Tierrechtsorganisation hatte sich in der Vergangenheit mit der Bitte an die Fraktionen im Reutlinger Gemeinderat gewandt, dem Beispiel von mittlerweile knapp 90 deutschen Städten zu folgen und künftig keine kommunalen Flächen mehr an Zirkusbetriebe mit Wildtieren zu vermieten. „Für die Tiere im Zirkus ist Weihnachten kein Fest – sie zahlen einen hohen Preis für das kurze, zweifelhafte Vergnügen der Zirkusbesucher“, so Dr. Yvonne Würz, Referentin für Tiere in der Unterhaltungsbranche bei PETA. „Auch Reutlingen sollte der Tierquälerei endlich einen Riegel vorschieben.“

Immer mehr Städte setzen ein Zeichen für den Tierschutz. So haben Köln, Erfurt, Düsseldorf, Stuttgart und Erlangen ein kommunales Wildtierverbot beschlossen. In über 20 europäischen Ländern wie Belgien, Österreich und den Niederlanden sind bestimmte oder alle Tierarten im Zirkus verboten. Allein 2017 haben Italien, Irland, Rumänien, Estland und Lettland neue Gesetze zum Verbot von Wildtieren im Zirkus erlassen. Auch der Bundesrat forderte 2016 erneut ein Verbot von Wildtieren im Zirkus. swp