Pfullingen/Stuttgart Wenn Gras nur teurer Müll ist

Der Ursulahochberg, hier fein säuberlich gemäht, ist Teil des Fauna-Flora-Habitat-Projekts Pfullinger Albtrauf.
Der Ursulahochberg, hier fein säuberlich gemäht, ist Teil des Fauna-Flora-Habitat-Projekts Pfullinger Albtrauf. © Foto: Jürgen Herdin
Pfullingen/Stuttgart / JÜRGEN HERDIN 27.07.2016
Dass man das Flora-Fauna-Habitat-Gebiet pflegen muss, ist klar. Doch bei der Vorstellung des Projekts durch das RP gab es jede Menge Widerspruch.  

„Unser Grasabfall darf nicht in Biogas-Anlagen geliefert werden. Im Gegenteil: Wir müssen pro Tonne  abgefahrenes Gras laut Abfallwirtschaftsgesetz 112 Euro bezahlen“. Alfons Reiske, Vorsitzender des Obst- und Gartenbauvereins Lichtenstein, machte seinem Ärger Luft. Einer der anwesende Experten konnte darüber immerhin auch nur den Kopf schütteln

Dies bei einer Bürgeranhörung des Regierungspräsidiums Tübingen (RP), bei der es am Montag im Feuerwehrhaus um den „Managementplan“ der Behörden in Sachen Naturschutz für das europaweit bedeutsame „Schutzgebietsnetz Natura 2000“ ging. Die tägliche Realität der Betroffenen in der Fläche ist oft eine andere als die der Ämter und Behörden. Man wird sich annähern müssen, das wurde bei der Informationsveranstaltung zum Teilgebiet „Albtrauf Pfullingen“ deutlich.

Denn sonst fremdeln Landwirte und Gütlesbesitzer weiter und sehen, wie schon vor über zehn Jahren, mit den Vorschriften zu  FFH- und Vogelschutzgebieten (das Kürzel FFH steht für Fauna-Flora-Habitat), ein rotes Tuch. Schon seit geraumer Zeit wird allenthalben von realitätsferner Regulierungswut der Behörden gesprochen.

Die haben reagiert und versprechen beim Umsetzen ihres Managementplans eine Art Bürgerbeteiligung.  Mit einem großen Netz von Naturschutzgebieten sollen Lebensräume und Arten von europäischer Bedeutung gesichert werden. Da sollen aber die betroffenen Grundstücksbesitzer mitziehen.

Derzeit werden die Bestände der Lebensraumtypen und -arten erfasst und bewertet. Eine erneute, erweiterte Erfassung des FFH-Lebensraumtyps „Magere Flachland-Mähwiesen« ist auch vorgesehen. Man schreibe niemandem etwas vor,  aber es gelte ein „Verschlechterungsverbot“ für bestehende Flächen im Albtrauf-Pfullingen-Gebiet, ließ die Moderatorin, Projektbeauftragte Charlotte Böll, wissen.

Der Raum Pfullingen befinde sich in „guter Gesellschaft“, denn 17 Prozent aller Flächen im Land gehörten ebenfalls zu den 347 europäischen Natura-2000-Gebieten zwischen Lörrach und Hohenlohe, so Böll.

Zu ihr hatten sich in Sachen Überzeugungsarbeit Bastian Rochner und Michael Koltzenburg gesellt. Rochner ist Geschäftsführer des Landschaftserhaltungsverbands im Landkreis Reutlingen (LEV), der Biologe  Koltzenburg vom Institut für Naturschutzfachplanungen (INA) ist unter anderem schon lange zu Fuß im Albtrauf-Gebiet unterwegs,. Das umfasst allein im Kreis Reutlingen 3712 Hektar. 2838 Hektar davon sind allerdings Wald, der fast ausschließlich der öffentlichen Hand gehört. Mit dabei war der für Wald zuständige Urs Hanke sowie Jürgen Jebram, Fachplaner beim RP für Naturschutz und Landschaftspflege. Die 50 Interessierten erfuhren also viel und detailliert über Boden- und Waldformen, machten in ihren Wortmeldungen jedoch deutlich, dass vieles der an sich guten FFH-Planung  in Sachen Flora und Fauna nur selten etwas mit dem alltäglichem Leben zu tun habe. „Ihr macht Auflagen, die aber nicht realistisch sind“, so Reiske.

„Nein, wir sind da flexibel“, beschwichtigte Koltzenburg. So gehe es in dem durchaus konsultativen Verfahren nun zunächst um „die Erhaltung des jetzigen Zustands“ des Gebiets. Spätere „Erhaltungs- und Entwicklungsmaßnahmen“ seien lediglich „Empfehlungen“.