Fußball ist vielleicht ein schlechtes Beispiel. Denn eigentlich macht Fußball ja immer Spaß. Aktiv im Verein, auf dem Kickplatz oder passiv auf den Rängen oder vor dem Fernseher. Es mag Ausnahmen geben, die persönlichen Vorlieben geschuldet sind oder mit Fragen des eigenen Talents zusammenhängen. Es gibt aber Ausnahmen, die aufhorchen lassen: Wenn ehemals von ihrem Sport begeisterte Kinder oder Jugendliche plötzlich alles blöd finden, was mit Fußball zu tun hat. Auch den Trainer, der in all den Erzählungen zuvor immer im Lichte eines strahlenden Helden stand.

Petra Lever kennt solche Fälle. Sie arbeitet beim vom Landkreis Reutlingen finanzierten Verein Wirbelwind. Der Verein setzt sich für Mädchen, Jungen und junge Erwachsene ein, die Opfer sexueller Übergriffe wurden. Am Samstag präsentiert sie den Verein auf dem Kelternplatz am Stand von "Wir sind Metzinger", obwohl Wirbelwind seinen Sitz in Reutlingen hat. Aber, sagt Petra Lever, Wirbelwind ist für den gesamten Landkreis zuständig, eben auch für Metzingen. Den Verein gibt es seit 20 Jahren. Hinter ihm stehen viele Schicksale und ein Thema, das seit den Anfangsjahren immer neue Spielfelder gefunden hat: Internet und Smartphone. Denn es muss nicht immer der Trainer sein. Im Internet stochern viele auf den Abwegen der Anonymität. Etwa ein Junge, der sich bei Facebook "Ron14" nennt, und damit vorgibt, Ron zu heißen und 14 Jahre alt zu sein. Allein diese zwei Hinweise transportieren genügend Fakten, die, um diverse Mädchen-Fantasien bereichert, ein attraktives Bild von diesem Jungen zeichnen. Wenn der es zudem versteht, mit witzigen Beiträgen und lustigen Fotos Eindruck zu schinden, "dann finden ihn die jungen Mädchen toll", sagt Petra Lever. "Ron14" schleicht sich in ihr Leben, wird als Mensch und Ansprechpartner wichtig, weil er so einfühlsam ist und so gut zuhören kann. Und das Spiel beginnt. Man schreibt sich, offenbart sich immer mehr, gibt Intimes preis, schließlich werden kompromittierende Fotos getauscht.

Über die Pointe solcher Geschichten lachen die am wenigsten, die auf den Fotos am leichtesten bekleidet sind, und wenn sich dann herausstellt, dass "Ron14" bei einer altersgemäßen Auswahl seines Synonyms eigentlich "Ron50" heißen müsste, kommt bei denen, die auf ihn hereingefallen sind, bestenfalls Scham auf. "Schlimmstenfalls leiden die richtig", sagt Petra Lever. Nämlich dann, wenn Ron, egal wie alt er in Wirklichkeit ist, die ehrabschneidenden Fotos in der Schule seines Opfers verteilt. Und das kann auch ein 14-Jähriger: "Dann muss die ganze Familie wegziehen", prophezeit die Sozialpädagogin. Das daraufhin einsetzende Mobbing sei gnadenlos. "Handys und Selfies: Die Eltern wissen doch gar nicht mehr, was da abgeht", warnt sie und rät, Kindern erst dann ein Handy zu überlassen, wenn sie 15 Jahre alt sind. Von Facebook und WhatsApp rät sie indes ganz ab: Da gelten amerikanische Datenschutzgesetze, kritisiert sie, "da kann sonst was passieren."

Der Verein Wirbelwind hat es sich zur Aufgabe gemacht, denen zu helfen, die mit derlei erlittenen Erlebnissen alleine nicht mehr zurecht kommen. Wichtig ist dabei die Prävention, sagt Petra Lever. Sich selbst etwas zutrauen ist ein erster Schritt. Deswegen bietet Wirbelwind immer wieder Selbstbehauptungskurse an. Die tragen den Grundgedanken des Vereins in sich: "Nicht mit mir", "Hände weg" oder "Lass mich in Ruhe".

Info Der Verein Wirbelwind präsentiert sich am Samstag, 26. September, auf dem Metzinger Kelternplatz.