Reutlingen Wenn Erinnerungen quälen

Petra Lever, Silvia Schwarzmann und Sabine Schuhmacher (vorne von links) sind auf die Mitarbeit ihrer Mitstreiterinnen im Verein "Wirbelwind" angewiesen, um den Opfern von Missbrauch helfen zu können. Foto: Norbert Leister
Petra Lever, Silvia Schwarzmann und Sabine Schuhmacher (vorne von links) sind auf die Mitarbeit ihrer Mitstreiterinnen im Verein "Wirbelwind" angewiesen, um den Opfern von Missbrauch helfen zu können. Foto: Norbert Leister
NORBERT LEISTER 03.01.2014
Täter, die Kinder oder Jugendliche missbrauchen, zerstören oftmals deren gesamtes Leben. Um so wichtiger ist da die Hilfe, die engagierte Frauen von "Wirbelwind" seit vielen Jahren auch vor Ort leisten.

Georgia ist 16 Jahre alt. Sie besucht eine Schule in Reutlingen, hat seit wenigen Monaten einen Freund, doch die Beziehung entwickelt sich für das junge Paar nicht besonders vorteilhaft. Georgia mag Leon zwar, doch wenn er zärtlich wird, wehrt sie ab, dann befallen sie Ängste, dann tauchen plötzlich schreckliche Bilder vor ihrem inneren Auge auf. Sie erinnert sich an Dinge, die sie unglaublich tief in sich selbst vergraben hatte. Diese Erinnerungen quälen sie, machen nicht nur die Beziehung zu Leon extrem schwierig, Georgia fällt auch in der Schule ab, ihre Leistungen werden immer schlechter. Schließlich schreibt sie eine E-Mail an "Wirbelwind", in der Schule hatte sie davon gehört.

Obwohl der "Fall" Georgia frei erfunden ist - so oder so ähnlich nehmen Missbrauchsopfer Kontakt mit dem Reutlinger Verein auf. Dieser erste Schritt hin zur Hilfe ist aber beileibe kein leichter, der Leidensdruck sei dann jeweils enorm hoch, wie Sabine Schuhmacher und Petra Lever erläutern. Beide sind seit wenigen Monaten als hauptamtliche Fachkräfte bei "Wirbelwind" angestellt - sie teilen sich jedoch gerade mal eine 50-Prozent-Stelle. Und das ist viel zu wenig, um all der anfallenden Arbeit hinterherzukommen.

Aber: Immerhin gibt es nun überhaupt hauptamtliche Kräfte. Die zurückliegenden 20 Jahre haben engagierte Frauen wie die Gründungsmitglieder Silvia Schwarzmann, Gisela Zenke, Rita Klinger und Monika Feldhahn alle Tätigkeiten wie die Beratung der Opfer oder auch die enorm umfangreiche Prävention geleistet. Schwarzmann ist heute noch aktiv als Vereinsvorsitzende dabei. "Bisher konnten wir nicht viel Werbung für den Verein machen - bei noch mehr Anfragen, hätten wir die gar nicht mehr bedienen können."

Allerdings bietet "Wirbelwind" keine Therapie an: "Wir haben eine Brückenfunktion, wir hören den Opfern zunächst mal zu und klären ab, was in jedem individuellen Fall notwendig ist", betont Lever. "Die Kinder oder Jugendlichen sitzen ja meist in einem Loch, hilfreich ist es da, wenn ihnen mal jemand gegenübersitzt, der ihnen glaubt."

Den Täter anzuzeigen, ihn seiner "gerechten Strafe" zuzuführen, stehe aber nicht an erster Stelle, es gelte im Gespräch mit den jeweiligen Opfern abzuklären, welche Hilfe nun angesagt sei: "Sie trauen sich ja meist gar nichts zu", so Schwarzmann. Mangelndes Selbstbewusstsein spiele eine große Rolle ebenso wie Scham. Und die Angst davor, das Erlebte wieder ins Bewusstsein zu lassen. "Oft droht eine Zweit-Traumatisierung", erklärt Schuhmacher. Größte Vorsicht und sorgsamer Umgang mit den Opfern seien also angesagt, sagt Lever. Bei Kindern, die sich an "Wirbelwind" wenden, sei die Situation noch schwieriger, "da arbeiten wir meist mit dem Jugendamt und der Polizei zusammen", so Schwarzmann.

"Vor einigen Jahren war unsere Arbeit meist ein Kampf gegen Vorurteile", betont die Sozialpädagogin. Die aktiven "Wirbelwind"-Mitarbeiterinnen wurden zumeist als Emanzen betrachtet, die sich doch eh nur selbst verwirklichen wollten. Das habe sich mittlerweile verändert, "bei Fachkräften in der Jugendhilfe, bei Schulsozialarbeitern, Lehrern und Erzieherinnen ist heute zumindest klar, dass es so was wie Wirbelwind braucht", betont die Vereinsvorsitzende. In ihrem Engagement hat Silvia Schwarzmann nie nachgelassen. Auch nach 20 Jahren ist sie ständig erreichbar für die Opfer, hört ihnen zu, berät sie und setzt sich für sie ein. Natürlich ist das oftmals sehr belastend, "aber wenn es den Jugendlichen besser geht, kriege ich trotz alledem einiges von ihnen zurück." Und Petra Lever ergänzt: "Die Kinder und Jugendlichen leben oft jahrelang mit dieser riesigen Last und sind froh, wenn sie einen Teil des Rucksacks abgeben können."

Neben der Beratung nimmt die Prävention einen großen Teil der Arbeit von "Wirbelwind" ein: Dazu gehört die Schulung von Fachkräften und Multiplikatoren ebenso wie das Angebot von sechs Selbstbehauptungskursen für Kinder oder auch zwei Selbsthilfegruppen für Mädchen und erwachsene Frauen. "Es gibt in dieser Gesellschaft niemanden, der Missbrauchsopfern hilft, wenn sie in ihrer extrem tiefen Hoffnungslosigkeit versuchen, mit alltäglichen Dingen klarzukommen wie etwa eine neue Wohnung zu finden", sagt Schwarzmann. Therapieplätze gebe es obendrein viel zu wenige. Und trotzdem geben die Frauen von "Wirbelwind" nicht auf, gehen die rund 50 "Fälle" pro Jahr immer wieder mit neuem Elan an, die sich zu durchschnittlich etwa 270 "Kontakten" jährlich ausweiten. Und die Arbeit wird ja nicht weniger, sondern immer mehr: "Missbrauch im Internet ist ein zusätzlicher Bereich, der enorm zunimmt", betont Lever.

Hilfe für Missbrauchs-Opfer, Hilfe für "Wirbelwind"