Reutlingen Weltmusik als Versuchslabor

Reutlingen / JÜRGEN SPIESS 25.07.2016
Mit Musik unter freiem Himmel Menschen und Kulturen verbinden: Genau darum ging es bei dem dreitägigen Interkomm!- Festival vor und im franz.K.

Das Festival bewegte sich zum zweiten Mal in jenem Grenzgebiet, das europäische, arabische und afrikanische Musiktraditionen zusammenbringt und Begegnungen von Menschen ganz unterschiedlicher Kulturen ermöglicht. Interkulturelle Bezüge wurden aber nicht nur durch die Bands geschaffen. Das franz.K-Team versuchte auch, letzte finanzielle Hürden zu beseitigen und damit Menschen den Zugang zum Festival zu ermöglichen, die sich das sonst nicht leisten können. So wurde erstmals kein Eintritt erhoben, um die Besuchs-Hürden für Migranten und Flüchtlinge niedrig zu halten. Zu guter Letzt wurde auch an den Essens- und Getränkeständen die Verschmelzung der Kulturen praktiziert, indem sich jeweils ein Mitglied des franz.K-Teams und ein Flüchtling die Arbeit beim Ausschenken und Zubereiten der internationalen Speisen teilten. Zu Recht würdigte OB Barbara Bosch in ihrem Grußwort das interkulturelle Engagement und den herkunftsübergreifenden Charakter des Festivals.

Die Begegnung von Menschen ganz unterschiedlicher Kulturen klappte also ganz vorzüglich, nur die unsichere Wetterlage drohte den Veranstaltern einen Strich durch die Rechnung zu machen. Pünktlich zum Auftakt am Freitag ging prasselnder Regen über dem franz.K-Vorplatz nieder, weswegen das Konzert der Tübinger Band Kaira Tiló kurzfristig nach drinnen verlegt werden musste. Doch der Wettergott hatte ein Einsehen: Der Regen hörte auf, und mit etwas Verspätung startete die französische Gruppe Ma Valise auf der Openair-Bühne ihren Auftritt, der allerhand hitzige wie melancholische Fundstücke bereithielt. Spätestens beim fulminanten Konzert des israelischen Frauentrios A-WA verwandelte sich der franz.K-Vorhof in ein wogendes Meer aus tanzenden und Arme schwingenden Menschen.

Die drei Schwestern Fair, Liron und Tegel präsentieren ihre Multikulti-Mixtur mit viel Hingabe und funkigem Rhythmusgefühl, berauscht von Elektro-Klängen und Hip-Hop-Beats, aber auch von der traurig-molligen Gefühlstiefe der osteuropäischen und nordafrikanischen Klangwurzeln. Mal hebräisch, mal arabisch-jemenitisch, mal jiddisch künden sie vom Hohelied der Liebe, dem irdischen Frieden und dem Tag der Versöhnung. Und es gelingt ihnen wiederholt, die passende Stimmung zu treffen. König Salomons Verse im flockigen Elektro-Beat klingen da gewollt progressiv, die jiddischen Lobeshymnen auf die Frauen Israels mit unterstützenden Tanztakten hingegen mitreißend, packend, lebensfroh. Das ist clever arrangiert und wird mit viel Herzblut und ohne die Klischeehaftigkeit gewollter Stilbrüche präsentiert.

Der Samstag startet mit dem Auftritt der ungarischen Sängerin Hajnalka Péter, die ungarische und arabische Elemente miteinander verknüpft und mit ihrem Obertongesang verblüfft. Durch einen heftigen Regenschauer verschiebt sich der Auftritt von Jaune Toujours um einige Minuten, was der guten Stimmung auf dem voll besetzten Platz jedoch nicht schadet. Die belgische Truppe lässt hören, wie Ska, Chanson und Balkanfolk auf Französisch klingt und schafft es, das Publikum binnen kurzer Zeit für sich einzunehmen. Musik als Therapie gegen Stumpfsinn, Überdruss und Ja-Sagerei präsentiert zum Abschluss auch die türkische Formation Baba Zula, die sich mit ihrem Mix aus avantgardistischen und traditionellen Elementen nur schwer in Schubladen pressen lässt. Ihre Songs arbeiten mit Dub-ähnlichen Soundkaskaden, die an elektrisch verstärkte Haremsmusik erinnern. Dennoch klingt ihre Musik nie unentschlossen oder zerfasert. Die fünfköpfige Band aus Istanbul, die auch bei Fatih Akins preisgekrönter Dokumentation „Crossing the Bridge“ mitwirkte, macht Weltmusik zum Spielfeld, zum Versuchslabor, gewinnt Homogenität durch Variabilität. Baba Zula kreieren keine archaische Folklore, sondern orientalisch geprägte Dubmusik, die aus der Überlieferung schöpft. Die Besetzung besteht zum größten Teil aus in der türkischen Volksmusik gebräuchlichen Instrumenten, mit Murat Ertel an der elektrischen Saz (türkische Laute), Perkussionist Levent Akman, Cosar Kamci an den türkischen und ägyptischen Darbukas und einer Sängerin.

Baba Zula ist eine Band mit Hang zur Experimentierlust, mit Ausflügen ins Atonale und synkopierten Rhythmen, mit psychedelischen Einwürfen und Muezzin-ähnlichem Gesang und immer wieder Anleihen bei genrefremden Musikformen, gern auch bei der türkischen Folklore. Während der Zugabe kommt dann auch der Regen zurück – doch ein großer Teil des Publikums tanzt unverdrossen durchnässt weiter.