Der Mann an der Kasse ist hochkonzentriert. „Das macht genau 118 Euro“, sagt er – und ahnt schon, dass die Kundin die nachtschwarze Handtasche und das knallrote Sommerkleid nicht in bar bezahlen will. Das EC-Kärtchen in der Hand steht sie vor ihm und lächelt. Hilfe muss her. Zum Glück gibt es da noch Ursula Gruner, die ehrenamtlich im Reutlinger Weltladen arbeitet und den neuen Kollegen, der sich an der Kasse zwar einigermaßen zurechtfindet, aber bei Stornos und Kartenzahlung noch unsicher ist, unterstützt.

Thomas Keck heißt der Mann, der am Samstag kräftig mit angepackt hat. Eigentlich ist er Oberbürgermeister, aber an diesem Vormittag ist er mit Leib und Seele Kassierer. Und das auch noch für einen guten Zweck, denn der Weltladen kann heuer sein 25-jähriges Bestehen feiern. Ein Jubiläum, das die Ehrenamtlichen auf ihre Art und Weise feiern wollen, weshalb sie acht Vertreter aus Politik und Kirche dazu aufgerufen haben, sich doch mal für zwei Stunden für die gute Sache in den Laden zu stellen. Zehn Prozent des Gewinns an den Tagen, an denen die „Prominenten-Verkaufsaktion“ steigt, gehen an die Initiative Sterntaler von Citykirche, Diakonie und Caritas. Geld, das Kindern aus benachteiligten Familien im Kreis Reutlingen weiter helfen soll.

Dass der Gewinn an diesem ersten Promi-Tag über dem normaler Samstage liegen dürfte, schwant den Vorständen Walter Reiner, Bärbel Haug und Gunter Banzhaf schon kurz vor Mittag. „Der Oberbürgermeister kennt halt halb Reutlingen“, sagt Reiner, der mitbekommen hat, dass viele treue Kunden ihren Einkauf extra auf diesen Samstag gelegt haben, um Thomas Keck zu begegnen. Und der gibt sein Bestes. Höflich, immer zu einem kleinen Plausch aufgelegt, begrüßt er fast jeden, der hereinkommt, mit Handschlag. Sogar sein einstiger Kunstlehrer war an diesem Vormittag schon da. „Kaffee hat er gekauft“, erzählt der OB, der sich über den Besuch des früheren Lehrers so richtig gefreut hat.

Die Lage ist besser

Freude kommt aber auch bei dem Trio vom Vorstand auf. Das Geschäft floriert nicht nur an diesem Vormittag, sondern schon seit zwei Jahren, seit der Weltladen vom Weibermarkt in die Rathausstraße umgezogen ist. „Die Lage hier ist einfach besser und die Räume sind moderner“, sagt Reiner, der nur einer von 80 Ehrenamtlichen ist, die das Geschäft sechs Tage die Woche am Laufen halten und sich gleichzeitig stark machen für den weltweiten Fairen Handel.

Dass Thomas Keck allerdings dauerhaft mit ins Geschäft einsteigt und es nicht nur bei den zwei Stunden als Aushilfskassierer bleibt, darf man ernsthaft bezweifeln. Denn auf die Frage, ob er angesichts seines Verkaufstalents nicht den Job wechseln möchte, antwortet er mit einem entschiedenen Nein. „Obwohl das hier auch interessant wäre“, muss er zugeben und schaut sich im Weltladen um. Doch sein Platz scheint vorerst wohl eher auf der anderen Straßenseite zu sein. Im keine 50 Meter entfernten Rathaus.

Noch sieben Promis kommen vorbei


Der nächste prominente Kassierer wird am Samstag, 17. August, von 10 bis 12 Uhr der katholische Dekan Hermann Friedl sein. Am 31. August steht ebenfalls von 10 bis 12 Uhr Michael Bläsius von der KSK am Verkaufstresen, am selben Tag ist MdB Jessica Tatti (Linke) von 12 bis 14 Uhr ehrenamtlich im Weltladen aktiv. CDU-MdB Michael Donth hilft am 7. September von 10 bis 12 Uhr im Weltladen aus und zur selben Zeit, nur eine Woche später, heißt der Kassierer Thomas Poreski, Grünen-MdL. Sein SPD-Kollege Ramazan Selcuk arbeitet ebenfalls am 14. September von 12 bis 14 Uhr im Weltladen, und Beate Müller-Gemmeke, Grünen-MdB, ist am 5. Oktober von 10 bis 12 Uhr dran. lyn