AWO-Weihnachtsfeier Weiter steigende Wohnungsnot

Das klassische Weihnachtsessen: Gemischter Braten, Knödel und Rotkraut wurde den Gästen im Nepomuk von den ehrenamtlichen Helfern der AWO in unterhaltsamem Rahmen kredenzt.
Das klassische Weihnachtsessen: Gemischter Braten, Knödel und Rotkraut wurde den Gästen im Nepomuk von den ehrenamtlichen Helfern der AWO in unterhaltsamem Rahmen kredenzt. © Foto: Norbert Leister
Reutlingen / Von Norbert Leister 26.12.2017

Sehr feierlich ging es zu bei der Weihnachtsfeier der AWO, die wie jedes Jahr für Wohnungslose oder Menschen, die von Wohnungslosigkeit bedroht sind, an Heiligabend im Café Nepomuk veranstaltet wurde. „Wir haben jedes Jahr wieder fast die gleichen Ehrenamtlichen, die hier helfen“, berichtete Rita Wilde als hauptamtliche Fachkraft von der Arbeiterwohlfahrt, die hinter der Organisation der gesamten Feier stand.

Rund zwei Dutzend Helfer bedienten die Gäste mit gemischtem Braten, Knödel und Rotkraut. Darunter auch erneut ehemalige Schüler der Merian-Gemeinschaftsschule in Dußlingen. Vor einigen Jahren waren sie mit ihrer Lehrerin da, kommen seitdem immer wieder und bringen laut Rita Wilde „immer mal wieder Freunde mit, die sich hier auch einbringen“. Die Dußlinger Schule sorgt zudem schon seit über 20 Jahren für Geschenke für die Besucher der Weihnachtsfeier. „Die Schüler sammeln vor Supermärkten Lebensmittelspenden, vor allem Hygieneartikel und Süßigkeiten“, so Wilde.

Für den besinnlichen Teil sorgte einmal mehr Jürgen Quack, der als Pfarrer i.R. nicht etwa „im Ruhestand“, sondern „in Rufbereitschaft“ sei, wie er schmunzelnd erläuterte. Zuvor hatte jedoch Barbara Bosch erneut ein paar Worte zu den Gästen gesprochen – was Reutlingens Oberbürgermeisterin im Übrigen schon seit ihrem Amtsantritt im Jahr 2003 macht. Sie beginnt mit ihrem Besuch bei der AWO-Feier jeweils ihre Tour durch die Stadt, die sie dann weiterführt zu den Einsatzkräften von Polizei, Feuerwehr und Rotem Kreuz.

Musikalisch umrahmt hat das Fest Band „Mountain Dews“ – und das auch schon zum dritten Mal mit irischen Weisen. Allerdings ist diese besondere Weihnachtsfeier nicht nur Grund und Anlass, um die von Wohnungslosigkeit bedrohten Menschen einmal im Jahr in den Mittelpunkt zu stellen, sie zu bedienen und mit gutem Essen zu verwöhnen.

Laut Rita Wilde ist dieser Moment auch dafür da, um auf die gesellschaftliche Gesamtsituation hinzuweisen: Dass nämlich die Zahl der Wohnungslosen – wie in den Vorjahren auch – erneut angestiegen ist. „Bis zum 22. Dezember hatten wir dieses Jahr 873 Personen in Wohnungsnot in unseren beiden Beratungsstellen“, so die AWO-Fachfrau. 2016 waren es noch 836 Ratsuchende.

Gestiegen ist auch die Zahl der Frauen, die im Elisabeth-Zundel-Haus Unterstützung suchten, auf 203. Und „in der Fachberatungsstelle Unter den Linden waren es 670 Männer“, so Wilde.

„Unsere Einrichtungen sind voll belegt“, betonte die Sozialpädagogin. Dabei betreibe das Netzwerk Ambulante Wohnungssicherung (NAWO) sehr erfolgreich Prävention und habe im zurückliegenden Jahr 204 Haushalte mit 442 Personen, darunter 154 Kinder, beraten. „Dadurch konnten 46 Haushalte in ihrer Wohnung bleiben und 110 Haushalte sind aktuell noch in Beratung.“

Die weiter steigenden Zahlen zeigen laut Wilde eindeutig, dass Wohnraum im gesamten Kreis Reutlingen dringend benötigt werde. Und zwar nicht „nur“ für Einzelpersonen, sondern immer mehr auch für Familien.

Das betonte auch Sebastian Weigle: „Die Politik hat dieses Thema 20 Jahre lang verschlafen.“ Zur Weihnachtsfeier sagte der AWO-Vorsitzende: „Das ist eine Tradition, auf die wir eigentlich liebend gerne verzichten würden.“ Weil die Situation aber nun mal so unbefriedigend sei, hat die AWO am Sonntag erneut die mehr als 150 Gäste bewirtet.

Zu den Ehrenamtlichen zählte sich im Übrigen auch Christoph Heubach vom Reutlinger Restaurant „Cucinea“: Er hatte für die Gästeschar einen feinen Nachtisch gezaubert und brachte sich auch bei der Bedienung der Besucher ein. „Ich möchte ein bisschen was davon zurückgeben, was ich selbst Gutes erlebt habe“, sagte er.

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