Reutlingen Wachstum auch sozial messen

Diskussion des Fritz-Erler-Forums mit Professor Mark Esposito (zweiter von rechts), Nils Schmid (Mitte) und Unternehmerin Sadeta Löcklin (dritte von links).
Diskussion des Fritz-Erler-Forums mit Professor Mark Esposito (zweiter von rechts), Nils Schmid (Mitte) und Unternehmerin Sadeta Löcklin (dritte von links). © Foto: Ralf Ott
RALF OTT 05.12.2015
Was kennzeichnet gute Wirtschaftspolitik? Darüber diskutierten am Donnerstagabend Wirtschaftsminister Nils Schmid, Harvard-Professor Mark Esposito mit Unternehmerin Sadeta Löcklin und Gästen.

Die Veranstaltung des Fritz-Erler-Forums fand im Theater Tonne in der Planie statt. "Baden-Württemberg profitiert vom Prozess der Globalisierung", unterstrich Forumsleiterin Dr. Sabine Fandrych eingangs. Wachstum könne nicht das alleinige Ziel von Wirtschaftspolitik sein, vielmehr sei ein Gleichgewicht zwischen wirtschaftlichem Erfolg, sozialer Gerechtigkeit und ökologischer Nachhaltigkeit erforderlich.

Vor diesem Hintergrund haben Esposito und sein Team vor drei Jahren angefangen, das GDP (Gross Domestic Product - also Bruttoinlandsprodukt) als einzig relevante Messgröße für die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit eines Landes in Frage zu stellen. Als Ergänzung für eine zuverlässige Beurteilung eines Landes haben sie den SPI, also den Social Progress Index, entwickelt. "Damit wird messbar, wie effektiv es einem Land gelingt, den wirtschaftlichen Erfolg in sozialen Fortschritt umzuwandeln", erläuterte Esposito vor rund 70 Zuhörern. Der Index basiere auf sozialen und ökologischen Faktoren und sei als Ergänzung für das Bruttoinlandsprodukt konzipiert.

In die Bewertung des SPI fließen die "menschlichen Grundbedürfnisse" wie Ernährung, Wasser und Sanitär, Unterkunft und persönliche Sicherheit ein, die "Grundlagen des Wohlergehens" (Zugang zu grundlegender Bildung sowie Informationen und Kommunikationsmitteln, Gesundheit und Wohlbefinden, Nachhaltigkeit des Ökosystems) und als dritter Bereich "Chancen und Möglichkeiten". Darunter verstehen die Forscher Persönlichkeitsrechte, die persönliche Freiheit, Toleranz und Inklusion sowie den Zugang zu Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten. Esposito: "Das reicht für eine realistische Bewertung von Ländern und Regionen aber nicht aus, daher haben wir insgesamt 52 Teilfaktoren aufgestellt." Unterm Strich gebe es zwar eine Korrelation zwischen ökonomischen Faktoren und sozialen Fortschritt, doch in Ländern, in denen das durchschnittliche Jahreseinkommens oberhalb von 15 000 Dollar liege, gebe es Abweichungen.

Wirtschaftsminister Nils Schmid betonte, Wachstum sei notwendig - genauso aber die Lebensbedingungen der Menschen im Blick zu behalten. Zentrale Aufgaben seien die Sicherung des Fachkräftenachwuchses, die weitere Digitalisierung der Produktion unter dem Stichwort "Industrie 4.0" sowie die Integration der Flüchtlinge in den Wirtschaftsprozess. Baden-Württemberg gelte als "innovativste Region" in Deutschland.

An der von Barbara Hess, Geschäftsführerin von Imanent GmbH, moderierten Diskussionsrunde konnten Bürger auf die Bühne kommen und Fragen stellen. Themen: Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz, die Zukunft des Solidaritätszuschlags und Fördermöglichkeiten für Existenzgründer. Zudem ging es um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf und die permanente Zunahme von Leiharbeit sowie die Grunderwerbssteuer.