Seit einem Jahr sammeln das ZfP (Zentrum für Psychiatrie) Südwürttemberg in Zwiefalten, das PP.rt (Fachklinik für Psychiatrie und Psychotherapie) in Reutlingen und das Pfalzklinikum Klingenmünster Erfahrungen mit der neuen stationsäquivalenten Behandlung, kurz StäB. Ein neuer Baustein in der Versorgung psychisch Kranker. Die drei Einrichtungen dürfen mit Fug und Recht als die Vorreiter bezeichnet werden, sowohl was die Umsetzung, als auch was die Finanzierungsmodelle und die Verhandlung mit den Krankenkassen betrifft. 22 Kliniken bundesweit bieten inzwischen StäB an, und es werden ständig mehr, wie Professor Dr. Gerhard Längle, Regionaldirektor Alb-Neckar des ZfP Südwürttemberg und Geschäftsführer des PP.rt, Dr. Hubertus Friederich, ärztlicher Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Alb-Neckar beim ZfP Südwürttemberg und die stellvertretende ärztliche Direktorin am Pfalzklinikum Klingenmünster, Dr. Sylvia Claus, im Rahmen einer Fachtagung am Dienstag berichteten.

StäB wurde Anfang 2018 eingerichtet. Konkret geht es darum, dass bei akutem Bedarf die Betroffenen die Möglichkeit haben, von einem multiprofessionellen Klinikteam Zuhause behandelt zu werden. Diese aufsuchende Behandlung kommt für Menschen in Frage, für die ein stationärer Aufenthalt zum Beispiel wegen der familiären Situation nicht möglich ist. Oder für Erkrankte, die bedingt durch ihre Krankheit sich nicht in psychiatrische Behandlung begeben würden. „Wir erreichen Menschen, die akut psychisch krank sind, aber nicht in eine Behandlung gekommen wären.“ Der Kontakt kommt dann nicht selten über den Hausarzt zustande.

In den Kliniken Südwürttembergs wurden seit dem Start der stationsäquivalenten Behandlung rund 400 Patienten in diesem Programm behandelt, aktuell befinden sich rund 50 Personen im StäB-Programm.

Die Behandlung im häuslichen Umfeld ist nicht nur für die Patienten neu. Auch die Ärzte und Therapeuten müssen sich umstellen und auf das neue Programm einlassen. Die Angehörigen sind mit einbezogen, die Fachkräfte gehen in die Familien, begeben sich mitten hinein in den Alltag der Erkrankten. Der Kontakt zum Patienten ist enger als in einer stationären Behandlung. „Es ist eine bessere Behandlungsform, das können wir auf jeden Fall schon nach einem Jahr sagen“, betont Dr. Sylvia Claus. Im Schnitt werden rund eineinhalb Stunden Behandlungszeit pro Patient eingerechnet, wobei sich dies natürlich nach dem Bedarf richtet. Hochindividuell und ganz eng am Patienten orientiert ist die stationsäquivalente Behandlung allemal. Dr. Hubert Friederich, der ärztliche Direktor des Zfp in Zwiefalten, ist selbst bei StäB mit dabei, besucht Patienten zuhause. „Ein Paradigmenwechsel“, betont er. „Die Patienten sind überrascht, dass man zu ihnen nach Hause kommt und sie so wertschätzend behandelt.“ Für ihn sei es ein Privileg, Teil dieses neuen Programms zu sein und es treffe die Kernmotivation der psychiatrischen Behandlung, sagt Friederich. Zusätzlich seien auch die Behandlungsteams begeistert von der neuen Arbeitsmethode. „Im Vergleich zur stationären Behandlung ist viel mehr Buntes mit dabei.“

Noch befindet sich die stationsäquivalente Behandlung in kleinen Anfängen. Doch das Ziel ist klar: In den nächsten Jahren sollen zwischen zehn und 15 Prozent der Patienten über StäB versorgt werden. Die Fäden dafür laufen in Zwiefalten, Reutlingen und Klingenmünster zusammen. Ein Forschungsprojekt wurde bereits in Auftrag gegeben, denn am Ende zählen nur wissenschaftliche Fakten, wie Professor Dr. Gerhard Längle betont. Die dritte Südwestdeutsche StäB-Fachtagung am Dienstag war zudem etwas Besonderes. Denn zeitgleich fand in Berlin die erste nordost-deutsche Tagung zur stationsäquivalenten Behandlung statt. Die Erfahrungen aus dem Süden der Republik waren dabei wegweisend.

Was ist stationsäquivalente Behandlung?


Der Gesetzgeber hat die stationsäquivalente Behandlung als neue Krankenhausleistung für psychisch Kranke mit Krankenhausbehandlungsbedürftigkeit definiert. Dabei handelt es sich um eine Klinikbehandlung im häuslichen Umfeld des Patienten, welche durch mobile, ärztlich geleitete multiprofessionelle Behandlungsteams erbracht werden soll. Die neue Behandlungsform kann in medizinisch geeigneten Fällen anstelle einer vollstationären Behandlung erfolgen.