Bei der gestrigen Verhandlung von Richter Sierk Hamann am Amtsgericht ging es um einen Streitwert von 3292 Euro: Die fehlende Bezahlung für zwei Öl-Gemälde von den Pferden „Sue Allen“ und „Conly“. Diese hatte der Kläger, ein Maler aus der Gegend, gemalt. Die Angeklagte, eine junge Frau, hatte ihm für die beiden Bilder aber nie den vollen Preis bezahlt.

Es ging bei dieser kuriosen Verhandlung aber eigentlich gleichzeitig um ein viel größeres Problem: nämlich um die Auswirkungen des drohenden, harten Brexits auf die europäische Justiz.

Was die Reutlinger Pferdegemälde mit England verbindet? Die Angeklagte bestritt, der Auftraggeber für die beiden Gemälde gewesen zu sein. Sie sei vielmehr nur ein Bote, sagte sie – der richtige Käufer sei ein Engländer, ihr Lebensgefährte. Diesen hatte Richter Hamann auch gleich zum Verhandlungstermin nach Reutlingen beordert, denn „im März könnte das schon schwierig werden“, sollte der Brexit kommen.

Kein schriftlichen Kaufvertrag

Der Maler und die Angeklagte hatten auf einer Messe den ersten Kontakt geknüpft. Dann gingen die Geschichten auseinander: Wer hatte wann und wo den Auftrag für die Bilder erteilt? Wie und durch wen war der Auftrag besiegelt worden? Eins war immerhin offensichtlich: Einen schriftlichen Kaufvertrag hatte es nie gegeben. „Wieso um Himmels willen machen Sie das nicht schriftlich“, fragte daraufhin der entsetzte Richter Hamann.

Wieso auch immer: Ohne Kaufvertrag ließ sich sowieso nicht eindeutig feststellen, wer nun zahlen muss. Und so erwirkte Richter Hamann (auch wenn es dafür großer Überzeugungskunst bedurfte), dass sich Kläger und Angeklagte schließlich einigten. Die Angeklagte überreichte dem Maler daraufhin (und unter den verdutzten Augen des Richters) inmitten des Gerichtsaals 1150 Euro in bar und bekam dafür das zweite Pferdebild.

Der Maler reagierte verstimmt auf diese Einigung, schien sie dann aber doch zu akzeptieren. Immerhin sind seine Erfolgschancen bei einer erneuten Klage gegen den Engländer unkalkulierbar: Denn sollte es zu einem kalten Brexit kommen, ist laut Richter Hamann bislang noch völlig unklar, wie juristische Fälle, die ein EU-Land wie Deutschland und ein Nicht-EU-Land wie Großbritannien betreffen, gelöst werden können. „Der harte Brexit, der katapultiert uns rechtsstaatlich sozusagen in die Zeit des Kaiserreichs zurück“, ist sein bitteres Fazit.

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