Reutlingen Vor der Hilfe steht die Erkenntnis

Reutlingen / NORBERT LEISTER 28.08.2013
"Heute gehts mir richtig gut", sagt Gerlinde C. in der Runde der Angehörigengruppe in der Planie 17 im Haus des Diakonieverbands. Dort treffen sich Frauen, deren Angehörige alkoholkrank sind.

Schon seit rund 20 Jahren gibt es die Angehörigengruppe in der Planie 17, im Haus des Diakonieverbands. Immer wieder treffen sich dort Menschen unter der Anleitung einer Fachfrau wie der Sozialpädagogin und systemischen Beraterin Andrea Vollmer. "Ich sehe und lerne an den anderen Frauen, wie sie mit dem Problem umgehen", betont Anne B. (Namen der Gruppenteilnehmerinnen geändert). Seit zwei Jahren besucht die 55-Jährige regelmäßig den kleinen Kreis, "ohne die Unterstützung hier hätte ich die Trennung von meinem Mann nicht geschafft", sagt sie. Vor drei Jahren war bei ihm die Sauferei eskaliert, "mir ging es immer schlechter, wenn er trank". Aber: "Es ist nicht das Ziel dieser Gruppe, sich zwangsläufig von den Partnern zu trennen", sagt Vollmer.

Ähnliche Erfahrungen wie Anne B. haben aber auch die anderen vier Frauen in der Runde gemacht: Gerda D. (48 Jahre) etwa ist ebenfalls seit zwei Jahren in der Gruppe, sie hat zwei Kinder und genauso wie Gerlinde C. immer gehofft, dass sich das Verhalten ihres Mannes ändern könnte. "Und selbst nachdem ich mit meinen drei Kindern ausgezogen bin, war ja nicht alles vorbei", so die 49-jährige Gerlinde C.. Sehr lang ist sie nachts weiterhin beim kleinsten Geräusch aufgewacht, aus Angst, dass ihr Mann wieder vor ihr stehen könnte, randalierend, gewalttätig. Die 35jährige Jasmin E. ist an diesem Donnerstagabend erst das dritte Mal in der Gruppe dabei. Als die anderen Frauen von ihren Erfahrungen berichten, fängt sie heftig an zu weinen. Sie hält das kaum aus, der Schmerz ist riesengroß, weil sie sich wie in einem Spiegel in den Berichten wiederfindet.

Bei Jasmin E. waren die Eltern alkoholabhängig, die 35-Jährige fühlte sich von der Suchtkrankheit der Mutter ziemlich stark belastet, vor kurzem erst hat Jasmin E. den Punkt erreicht, dass sie resignierend sagte: "Ich kann nicht mehr." Sie ist selbst verheiratet, hat zwei Kinder und "ich will endlich die Kraft für meine Familie haben", sagt sie unter Tränen.

Erging es allen Frauen so, nachdem sie die ersten Male in der Gruppe waren? Als Antwort nicken alle heftig. "Erst kommt der Schmerz, bevor die Neulinge aus den Erfahrungen der anderen lernen können", sagt die Sozialpädagogin Andrea Vollmer. Dabei waren die ersten Schritte, zum Telefonhörer zu greifen, nach Hilfe zu fragen, das erste Mal in die Gruppe zu kommen, gleich mehrere hohe Hürden, die von den Frauen überwunden wurden. "Das ganze Thema hat ja auch viel mit Scham zu tun", sagt Gerda D.. Jahrelang haben sich die Frauen schuldig gefühlt, weil sie es nicht geschafft haben, ihren Mann, ihre Mutter oder auch ihre Schwester vom Alkohol wegzubringen. So wie die 53-jährige Karin H., die sich wie der gesamte Rest der Familie immer gefragt habe, ob sie der Schwester genug an Unterstützung gegeben hätten. Doch irgendwann kam bei allen Frauen der Punkt, an dem sie nicht mehr weiter wussten. "Wir haben ja alle nicht kapiert, was der Alkohol alles zerstört." Co-abhängiges Verhalten wird das in Fachkreisen genannt. In der Angehörigengruppe lernen die Frauen, wieder nach sich selbst zu schauen, vergrabene Interessen, Hobbys wieder zu entdecken und sie zu verfolgen. Das alles hatte ja über Jahre hinweg keine Rolle mehr gespielt, weil sich bei ihnen alles um den alkoholabhängigen Angehörigen drehte. Für den wiederum war einzig und allein das Suchtmittel, der Alkohol der zentrale Punkt in ihrem Leben.

In der Gruppe empfinden die einen Frauen "es ganz erschreckend, dass es anderen ganz genauso ergeht wie einem selbst", sagt Gerlinde C., doch Gerda D. betont: "Zu erkennen, dass ich nicht die einzige mit solchen Problemen bin, hat mir von Anfang an gut getan." Heute, nach mehreren Jahren in der Gruppe, sind sich die vier Frauen einig, dass ihnen der Austausch und auch die fachliche Begleitung von Andrea Vollmer enorm gut getan hat. Jasmin E. muss allerdings noch einige schmerzhafte Hürden überwinden.

Anmeldung zur Angehörigengruppe
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