Reutlingen / Kathrin Kammerer

Ein Jahr lang haben sie täglich, bei Wind und Wetter, auf dem Katharinenhof-Areal gegraben: die Archäologen der Firma Archaeo-Connect aus Tübingen. Detektivarbeit liegt hinter Ausgrabungsleiterin Sybil Harding und ihrem Team. Mehr als 100 Zuhörer verfolgten am Montagabend in der Volkshochschule fasziniert, was eine 2000 Quadratmeter große Bodenfläche von der Vergangenheit erzählen kann.

Tausend Jahre komprimiert

Tausend Jahre Stadtgeschichte hat Harding an diesem Abend in einem einstündigen Vortrag zusammengefasst. Die ältesten Siedlungsbeweise, die sie auf dem Grabungsgelände dokumentieren konnte, stammen aus dem 7. und 8. Jahrhundert. Was für den Laien nur dunkle, runde Verfärbungen in der Erde sind, das sind für Harding eindeutig Pfostengruben. In der früh- und der hochmittelalterlichen Zeit haben die Menschen Grubenhäuser gebaut, in denen sie Lebensmittel aufbewahrt und Textilien hergestellt haben, erklärt sie. Grubenhäuser waren Halbkeller, über die man eine Dachkonstruktion gebaut hatte – die von besagten Pfählen getragen wurde.

Siedlungen, die bis ins Früh- und Hochmittelalter zurückreichen, haben die Archäologen auf dem Areal Katharinenhof gefunden. Eine Sensation.

Im Hochmittelalter wird Reutlingen übrigens auch zum ersten Mal urkundlich erwähnt: 1089 geht es um einen Rudolf von Reutlingen und den Bempflinger Vertrag. Schon deutlich früher aber haben Menschen hier gesiedelt. Drei Bestattungsplätze aus der Merowingerzeit wurden im gesamten Stadtgebiet bislang gefunden.

Bestattet wurde auf dem Katharinenhof-Areal ebenfalls, wenn auch nur ein Mal: Die Archäologen sind bei ihren Grabungen auf ein Babyskelett gestoßen, das wohl im Hochmittelalter in einem Hinterhof verscharrt worden ist. Neben dem Babyskelett fanden sie eine ganze Menge Schlachtabfälle in den Hinterhofbereichen, darunter besonders viele Hornzapfen von Kühen. „Das steht wohl mit der Gerberei im Zusammenhang“, erklärt Harding.

Ihr Team legte auch drei gute erhaltene Gerberbottiche aus der Zeit nach dem Stadtbrand frei, außerdem eine Gerbergrube aus dem Spätmittelalter. „Das muss ja unfassbar gestunken haben, wenn die Gerberei direkt bei den Wohnhäusern angesiedelt war“, gab ein Zuhörer zu bedenken.

Keine Latrinengruben gefunden

Und das war wohl nicht der einzige strenge Geruch, mit dem die Menschen im Spätmittelalter und in der frühen Neuzeit auf dem Katharinenhof-Areal lebten. Ungewöhnlich ist, dass sie auf dem gesamten Gelände keine Hinweise auf Latrinengruben gefunden hat, sagt Sybil Harding. Wo verrichteten die Menschen damals also ihr Geschäft? Harding vermutet, dass das komplette Schmutzwasser über Entsorgungsgräben in die Stadtbäche geleitet wurde. Mit dem Wasser aus diesen Bächen haben die Menschen dann auch am 23. September 1726 versucht, den großen Brand zu löschen, der sich rasend in der ganzen Stadt ausbreitete.

Mehrere Tage wütete der Flammensturm, große Teile der Bebauung wurden zerstört. „Die Bebauung war vor dem Stadtbrand sehr eng, danach dann nicht mehr“, sagt Harding. Was die Gefahr einer erneuten Flammen-Katastrophe sicher minimierte, vorrangig aber wohl der Armut nach dem Brand geschuldet war.

Bratäpfel vom Stadtbrand

Einer der wohl überraschendsten Funde auf dem Grabungsfeld waren kleine, schwarz-verkohlte und zusammengeschrumpfte Äpfel, die auf etwas lagen, das Harding als Bodenbretter einer Holzkiste identifizierte. Eine Kiste mit wohl frisch geernteten, knackigen Äpfeln, die zum Raub der Flammen wurde. Wie enorm die Hitze damals gewesen sein muss, zeigen auch vom Brand stark gerötete Steine in den ehemaligen Gewölbekellern.

Nachweisbar ist, dass viele Keller nach dem Stadtbrand verfüllt wurden. Ob das ebenfalls aus Kostengründen geschah? In einem so verfüllten Keller fand Hardings Team eine Keramikscheibe mit der Aufschrift „anno 1733“ – das ist dann einer der leicht zu lesenden Hinweise für die Archäologen. Auch Knöpfe hat das Team gefunden, Schmuckstücke, ein Pfeifenmundstück aus Keramik, Geschosskugeln, Badfliesen, Teile einer Mineralwasserflasche aus „Bad Erms“ und eine Biermarke aus dem nun abgerissenen Gasthaus „Falken“.

Außerdem stieß Harding auf eine Flasche mit der Aufschrift „G.A.W. Mayer“ aus Breslau. Wie sich bei späterer Recherche herausstellte, war das der im 19. Jahrhundert beliebteste Hustensaft in Deutschland. Auch Krankheit gehörte eben zum Leben im Katharinenhof-Areal.

Das könnte dich auch interessieren:

Der Favorit hat sich durchgesetzt: Maik Schütt wird ab Juli neuer Trainer beim Fußball-Oberligisten SSV Reutlingen.

Was passiert nun auf dem Areal?

Die Tübinger Firma Exklusiv Wohnwert GmbH baut auf dem Areal des „Katharinenhofs“ Wohnungen und Gewerbeflächen mit einer Tiefgarage. Rund 25 Millionen Euro werden investiert. Nachdem das Landesdenkmalamt eine so genannte Rettungsgrabung veranlasst hatte, war schnell klar, dass auf dem Areal Spuren beachtenswerter Bau- und Siedlungstätigkeit des Früh- und Hochmittelalters zu finden sind. Der Investor beauftragte daraufhin die Archäologen mit den Grabungen. Diese trägt er auch finanziell, was eine „nicht unerhebliche Summe“ darstellt, wie Maik Baumann von der Exklusiv Wohnwert GmbH bei einem früheren Termin auf dem Areal sagte. kam